Das Laienbrevier
von Leopold Schefer
im Musenalmanach für 1830
Seiten 215 bis 256

 

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1

Auch du kannst Wunder thun; sieh, alle Weisen
In allen Zeiten thaten Wunder einst
Und thun sie immerfort. Sie machen Blinde
Zu Sehenden, zu Hörenden die Tauben,
Die Kranken heilen sie und sprengen Ketten
Der Sclaven und bereiten allen Armen
Das Himmelreich! — Vernunft allein thut Wunder,
Gewalt der Wahrheit zwingt der Menschen Herzen.
Wie viel Geschlechter hörten! Wie viel Völker
Bekommen Augen! Wie viel Legionen
Der Cherubim bedienen jetzt den Sohn
Des Paradieses! Wie viel Teufel fahren
Jetzt in die Säue, stürzen sich in's Meer
Des Unsinns und der Lüge! — “Glaubet nur:
„Ihr werdet größre Wunder thun als ich!“

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2

Versäume keine Pflicht, und übernimm
Nicht eine neue, bis Du allen alten
Genug gethan! Was sich mit diesen nicht
Verträgt, das weise von Dir; so verwickelst
Du Dich in Dornen, die Du nicht mehr lösest.
Sprich nicht: Ich muß voran im Leben, muß
In gleichem Schritt mit allen andern wandeln! —
O glaube mir, wie Du die Menschen siehst —
Das ist nur ihre äußere Gestalt,
So, wie und wo die Zeit sie mitgeführt,
Der Feige gleich, da, wo der Baum sie trieb;
Doch wo und wie sie selber sich empfinden?
Ob sie der Feige gleich, nach eigner Zeit Gut abgeblüht? — ihr Innres siehst Du nicht!
Der Greis dort, mit dem einen Fuß im Grabe,
Ist noch ein Kind; er kann mit aller Kraft
Nicht aus dem Jugendhain — "er hat der Mutter
Einst Herzeleid gethan." Die Wittwe dort
Ist noch nicht Braut — "sie hat des Vaters Rath
Einst rauh und bös verschmäht",
          Doch sieh, der Jüngling,
Der dort mit seinem Pfluge Acker stürzend
Des armen Vaters Schulden treu bezahlt,
Er ist schon alt, so alt wie Kindesliebe
Und Tugendso beseligt wie die Frommen,
Und hat ein groß Vermögen sich erworben:
Nichts zu begehren, — was er nur als Schuld
Besäße; Nichts zu scheuen, was ihn ruhig
Auf seinem Lager schlummern läßt. — Mein Kind,
Die Weisheit nur hat Augen; alle Thoren
Sind blind. Drum sieh! Versäume keine Pflicht!

3

Betrachtet Jemand auch die Erde nur
Als Wirthshaus, was muß er vom Wirthe denken!
Was tischt' er auf! Wie fröhlich war ihm drin!
Wie schöne Mädchen brachten ihm den Wein!
Welch hell Geleuchte brannte rings im Saal!
Und endlich — löschte gar der Wirth die Zeche!
— Wer klein und lustig von dem Leben denkt,
Nun, auch für Den ist es gemacht, und köstlich.

4

Die Menschen und — die reichen Menschen denken
So gar erhaben nicht. Geh 's wie es wolle,
Thun sie das Böse, lassen sie das Gute —
Sie werden ja noch wohnen, essen, trinken,
Sie werden daseyn! Diese Ruhe giebt
Der Reichthum, diese Größe hat der Hohe.
Doch hast Du Geist und Wissen, Lieb' und Thun,
Dann hast Du in Dir selbst und an der Welt
Was je das Gold gewähren kann; nur daß
Dem Reichen noch der feine Sinn, der Adel,
Der Schönheit Fülle und die Fähigkeit
Des großen Herzens zum Genüsse — fehlt.
Sei Geist, dann hast Du Geist! — nur Geistesruhe,
Und in Dir wird ein Schatzhaus wahren Reichthums.


Sieh! Die Verdammten und Verdammtinnen,
«Die Gott einst richten wird,» erkennen sich
Schon hier auf dieser reinen Erde leicht
An Blick und Thun. Im bangen Borbcwußtseyn
Der künftigen Qualen eilen sie einander
Sich tröstend zu, um noch, so lang die Sünde
Auch Wonne giebt, die Wonne zu genießen
Und sich die Qual für ewig aufzusparen.
Die Guten aber, tief im Herzen schon
Voll künft'ger Freude, dulden hier auch nichts,
Und lächeln sich nur still einander zu.

5

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6

Begegne jedem Bösen zart und sanft!
Begegn' ihm hülfreich! Denn Du kannst kaum denken.
Welch schmählich Seyn er trägt, wie viel er Kraft
Verschwendet, um sich aufrecht in der Fülle
Der Edleren zu halten. Sei dem Herben
Und Mürrischen recht mild! Du weißt es nicht:
Welch schwere, jahrelange Leiden nur
Als leises Murren auf die Lipp' ihm treten,
Wie seine ganze schwere Zukunft nur
Als düstres Antlitz Dir erscheint; und Du
Vermöchtest herber ihm zu seyn, als Er Dir?
Dem Häßlichen begegne liebevoll,
Denn Lieb' ist's, was er zu entbehren glaubt;
Und merkt' er Deine Schonung — drück' ihm nicht
Die Hand! auch weine nicht, nicht innerlich,
Sonst bricht er laut in Thränen aus! Nein klag' ihm:
Wer Theures Dir gestorben sei! Wer ihm
Wohl Theures sterben könne! Dadurch fühlt er:
Er lebe! liebe! Sei ihm herb — aus Liebe.

7

Geh fleißig um mit Deinen Kindern! habe
Sie Tag und Nacht um Dich, und liebe sie
Und laß Dich lieben einzig-fchsne Jahre;
Denn nur den engen Traum der Kindheit sind
Sie Dein, nicht länger! Mit der Jugend schon Durchschleicht sie Vieles bald — was Du nicht bist,
Und lockt sie Mancherlei — was Du nicht hast,
Erfahren sie von einer alten Welt,
Die ihren Geist erfüllt; die Zukunft schwebt
Nun ihnen vor. So geht die Gegenwart
Verloren. Mit dem Wandertäschchen dann
Voll Nöthigkeiten zieht der Knabe fort,
Du siehst ihm weinend nach bis er verschwindet,
Und nimmer wird er wieder Dein! Er kehrt
Zurück, er liebt, er wählt der Jungfraun Eine,
Er lebt! Sie leben. Andre leben auf
Aus ihm — Du hast nun einen Mann an ihm,
Hast einen Menschen — aber mehr kein Kind!
Die Tochter bringt vermählt Dir ihre Kinder Aus Freude gern noch manchmal in Dein Haus!
Du hast die Mutter — aber mehr kein Kind. —
Geh fleißig um mit Deinen Kindern! habe
Sie Tag und Nacht um Dich, und liebe sie,
Und laß Dich lieben einzig-schöne Jahre!

8

Wer nicht in seinen Lieben leben kann,
Zur Zeit wenn sie ihm fern, ja wenn sie todt sind,
Der hat sie oft verloren! Aber Der
Besitzt die Freunde und Geliebten immer
Iinraubbar gegenwärtig, schön, genußreich,
Wer fort in ihrem Geist und Eigenwesen
Die Tage lebt, Begebenheiten gern
So anschaut, so belächelt wie sie würden.
So that ich oft; und wenn die stillen Freunde
Aus mir ein Wort, ein Werk belächelten,
Mit meiner Kraft laut mit einander sprachen,
Oft ihre Freude hold aus mir bezeugten —
Dann hab' ich laut geweint! ihr stilles Leben
In mir, gleich einem Wunder angestaunt,
Und tief empfunden. «Also bleiben sie
+++bdquo;Bei mir durch alle Tage bis ans Ende.»

9

Beneidest du den Tropfen Thau dem Veilchen!
Beneidest du dem Tropfen Thau die Sonne,
Die bunt darin sich spiegelt? und der Biene
Das purpursammtne süße Distelhaupt,
Das sie mit Kunst und Fleiß und Müh beschwebt? —
Du thust das nicht! — Wohlan, so thu das Gleiche
Dem Menschen: gönn' ihm Alkes! Nichts beneid' ihm
Denn für Ihn ist das Distelhaupt — die Erde!
Die er mit Kunst und Fleiß und Müh beschwebt;
Sein Geist ist wie der Tropfen Thau, worin
Die Welt sich bunt so wenig Tage mahlt;
Und theurer als den Tropfen Thau das Veilchen
Bezahlt, bezahlt Er jede frohe Stunde
Mit ihrem stündlichen Verlust, mit tausend Thränen
Die Er um Andere geweint — die Andre
Bald um ihn weinen! denn dem armen Menschen
Wird auch der Guten Güte, und ihr Daseyn
Sogar, zu stillem edlem Schmerz voraus!

10

Die Schönheit ist ein Kind der freien Seele
Und kräftiger Gesundheit. Freie Völker,
Die Edles dachten, Großes, einfach lebten,
Sie waren schön in Massen. Willst du Schönheit,
So gieb dem Volke Freiheit, edlen Sinn,
Beschäftigung, die Großes wirkt. Die Menschheit
— Schon auf dem Weg zur Freiheit, weil sie reiner
Und edler denkt, und wahrer schaut und lebt —
Ist auf dem Weg in's Reich der Schönheit, das
Auf Erden einst rings blüht; denn Leibesschönheit
Ist nur der Abdruck inn'rer Seelenschönheit,
Wie aus dem edlen Stamm die edle Frucht wächst.
O welche Güter wird die Menschheit einst
Zugleich erwerben und zugleich genießen!

11

Sprich nicht: «Das Leben kümmert mich nicht groß!
«So wie es ist, so könnt' ich's nur empfangen,
«Geschenkt hab' ich's bekommen — an Geschenken
»Zu mäkeln ist nicht fein!» — O, wie du irrst!
Du hast das Leben nicht geschenkt bekommen!
Du mußtest Du seyn, um es zu empfangen!
Du hast ein göttlich altes Recht daran,
Als Geist vom Geist der Geister darfst du fragen:
«Was ist daran? Wie steht's in unsrem Hause?
«Was drückt uns noch? Was fehlt noch einzurichten? »Wer will uns niederhalten? Wer erhebt uns,
«Und schmückt uns diese Zwischenzeit der Erde?» — Und wär' uns diese hier die einzige Zeit,
Dann wär' sie ganz unschätzbar, und der Böse
Erst doppelt bös, der Gute himmlisch-gut.
Weil ew'ges Leben dir als Erbe zusteht —
Flieh hin, dem Unglücksel'gen beizustehn!
Hilf jedem Leidenden, gieb nicht dein Brot,
Dein Kleid allein, nein, deinen Leib sogar
Mit Freuden hin, nur um ein Kind zu retten,
Geschweige dein Geschlecht von Druck und Leid!
Denn selbst der Tod ist dir nicht mehr, als wenn
Du mit der Hand leicht durch die Flamme fährst.

12

Bewalte Alles aus gesammter Ansicht
Und ans dem Wertchgefühl des ganzen Wesens,
Dann wirst du Jedem immer «nild begegnen!
Die Mutter, eben erst entzückt vom Lächeln
Des Knäbchens, sieh, sie schlägt es jetzt, schon zornig
Nach augenblicklich - kleiner Unart; eifrig
Sucht sie des Kindes Sachen, schnürt ein Bündel,
Will in den Wald es schicken zu den Köhlern!
So thun die Frauen, thun sogar die Mutter.
Du aber thue lieber wie das Kind:
Nun, da es von ihr scheiden soll — erblickt es
Sogar in ihrer zornigen Gestalt
All jene sanften Bilder seiner Mutter,
Die vor ihm standen von der Wiege an,
Ihm Holdes thaten alle Tag' und Nächte!
Es sieht die Aepfel und die Birnen all,
Die es nun ewig, ewig missen sott —
Nun kniet es vor ihr nieder; und die Mutter
Erbarmt sich, schickt es nicht fort — doch sie straft es!
Und sieh das Kind — es küßt ihr ihre Hände!

13

Nicht unerforschlich ist der Frau'n Gemüth,
Klar gab sich's kund im langen Lauf der Vorzeit;
Nur unglücksel'ger sind sie als die Männer,
Die ihr Geheimstes, gleich der Erd', emporblühn,
Der Frauen Herz blüht innen wie die Feige.
Drum: wen ihr Weltgefühl begehre, wie stark,
Wie reich des Himmels Mitgift ihr geworden,
Wie edel, züchtig, standhaft Jede sey —
Das ist das Räthsel! ihr oft selber dunkel;
Denn wo sie liebt, ist sie nur Liebe. Sie ist,
Sie hat nichts Andres — ja sich selbst nicht mehr;
Sie ist wie ihr Geliebter — gut und schlecht,
Sie ist so wie das menschliche Geschlecht
— Das sie voll Trost auf seiner Bahn begleitet —
 Ist wie der Mann, nur stets ein wenig besser.
Drum wer die Frauen kennt, der kennt den Mann,
Nur wer die Liebe kennt, der kennt die Frauen,
Die Zeit, die Vorwelt, Frühling, Erd' und Himmel.

14

Vielfach ist der Bezug des einen Menschen;
Der König nennt ihn seinen Unter-Than,
Der Hauptmann: seinen Corpora!; der Pfarrherr:
Sein Beichtkind, und der Rath: ihr Stadtkind. Aber
Die Aeltcrn: ihren Sohn, und seine Kinder,
Die Knaben und die Mädchen nennen ihn:
Mein Vater! und die Mutter spricht: mein Mann!
Der Oberälteste von seinem Handwerk
Rennt ihn Mitmeister; seinen Pazienten
Nennt ihn der Arzt, und: unsre Leiche — nennen
Die Todtengräber ihn. Die Erde: ihren Todten,
Und unser Herrgott nennt ihn: mein Geschöpf. —
Wer darf nun sagen, daß er Keins von allen,
Und wer darf sagen, daß er all das ist?
Wohl ihm, vermocht' er alles das zu seyn,
Und stets dabei ein ächter Mensch zu bleiben.

15

Der Arme hüte ja sich, wie ein Kranker:
Nichts über sein Vermögen erst zu wollen!
Denn dann empfindet er erst seine Schwäche,
Die Kraft genug ihm war, so lang' er ruhte
Auf seinem Krankenbett: das Nächste sich Herbeizulangen; dann findet er
Erst recht: was alles ihm gebricht, und trüb
Und schwer versinkt er in sein tiefes Leid.
Darum geduldig in dem Kreis verharren,
Den uns ein Gott gezogen, giebt uns Stärke
Des Stärksten, Freude selbst des Freudigsten!

16

Viel tausend Menschenherzen in Eleusis,
Am Indus, in Aegypten sehnten sich
Hin in die Nachwelt, — nach Elysium!
Sie wünschten seine Sonne einst zu schauen,
Rur eine Rose aus dem Götterkenz
Zu pflücken — und dann gern selbst todt zu seyn.
Tief in dem Wunsche lag die Sehnsucht nur
Nach einem ew'gen Leben; daß die Menschheit,
Die schöne Menschheit ewig leb' und liebe
In ew'gem Lenz, im lauten Reich der Sonne!
Wohlan, ihr Mumien! fo seid denn gern
Gestorben! gem nun todt! die frühesten
Geschlechter knüpfet an die spätesten
Dasselbe Herz! — So ruf' ich, wie ein Herold
Der Zeiten, laut und froh in eure Vorwelt:
Wir sind! die Menschheit ist dahin gelangt,
Wohin ihr einst euch eingeschifft! es leuchtet
Vom heil'gen Himmel uns die ew'ge Sonne,
Es blühet um die Erd' ein ew'ger Lenz,
Die Liebe lebt! die Lebenden sie lieben,
Die Liebenden sind selig — um uns grünt
Und blüht der goldne Hain der Hesperiden,
Die Welt ist unser! Unser ist der Gott!
Sogar der Strauch der Rose lebet noch,
Das kleine Veilchen selbst ist nicht vergangen!
Die Lerche singt und sieht noch aus wie vor,
Noch seine grüne Streichen hat das weiße Schneeglöckchen! selbst des Feuerwürmchens kleine Laterne Nachts im Grasesschatten, ist
Noch nicht verlöscht, viel weniger die Sterne! —
Wir leben gern — so seid denn Ihr gern todt! Und
weil Ihr zweifeltet an einer Nachwelt,
— In der wir leben voller Ueberzeugung —
Nun darum zweifeln Wir an unsrer Nachwelt
Denn nicht! Und weil Ihr eure Mitwelt so
Geliebt, beweint, so schön uns vorgestellt,
 Drum haben Wir erst Eure Vorwelt recht!
So sind wir von zwei Himmeln denn umfangen!
Und in der Gegenwart, in diesen Räumen
Liegt eine Tiefe — unermeßlich-tief!
Und in der Unermeßlichkeit, im Herzen,
Im Geiste lieget uns die Seligkeit —
In Eines Menschen Leben alle Zeiten!

17

Mit Ehrfurcht grüße jedes Menschenhaupt,
Das in der Sonne dir entgegen wandelt,
Ja jedes Kind, das aus der heil'gen Urwelt
Hervorgegangen, alt wie diese Erde,
Jung wie die Blumen, an der Erde still
Mit Blumen spielt. Denn weißt du, wer es ist? —
Es ist ein Wunder, wie die Blume — nur
Ein größeres und lieblichers. Und willst du,
So grüße auch die Rose! willst du auch,
So küsse sie: «Im Namen Gottes!» gehe
Nicht stumm und dumpf am Steine selbst vorüber,
Denn wisse, schau' und fühle, glaube wahrhaft:
«Sie sind!» Du träumst ein Sandkorn nicht hinweg,
Es ruht und glänzt im Sonnenreich vor dir;
Sie sind in einem Himmelreich mit dir,
Sie sind Genossen deines Lebens, sind,
Wie du in diesen festen Zauberhallen,
Daraus sie Nichts verbannt, noch je vernichte,
Darin sie bleiben, wie sie sich auch wandeln.
Was da ist, ist ein unausstaunbar Wunder.
Und willst du nun, entblöße auch dein Haupt
Still vor dem Greise, den sie sanft im Sarge
Vorüber tragen! Willst du eine Thräne
Ihm weinen, oder dir, vielleicht der Erde —
Vergiß nur nicht der Seligkeit dabei,
 Des Wunders, das sie dir ins Auge trieb!

18

Mensch, Nichts zur Unzeit! Unzeit aber können
Sogar die Tage deines Lebens seyn,
Wenn du darinnen nicht der Gottheit Geist
Erkennst, der eben waltet, der auch das nur
Mit selbstbeschränkter Allmacht erst hervorbringt Was er vollenden will, und diesem Willen
Gemäß nur kann. Erkennst du diesen Geist,
Dann rechne du da draußen überall
Auf ihn, und drinnen in der eignen Brust!
Und wisse klar: Er rechnet auch auf Dich.
Ein Tausendfuß ist ohne Füße nicht,
Das Spinnennetz erst bilden seine Fäden;
Der riesenhafte Seidenbaum in Indien
Stützt seine Größe rings mit Stämmen — die er
Gradauf aus seinen eignen Wurzeln treibt!

19

Sag', wann ist erst das Leben etwas werth? —
Wenn wir verstehn zu leben, wenn wir viel
Erlebt im wundervollen Haus der Erde;
Wenn jeder Tag uns dreißig — vierzig Jahre
Enthält, und jeglicher Gedanke schwer
Vom Süß der Erde, schwer wie eine Biene
Von Honig aus der blumenvollen Flur,
Zum Haupt uns kehrt; wenn jegliches Gefühl
Ein Meer Gefühl' in uns erregt, von allem
Was wir jemals genossen. Denn dem Menschen
Bleibt treu auf immer, was er je gedacht,
Gehofft, gewünscht, geweint . . . wenn auch vergebens!
Wenn er es wieder denkt, dann ist es wahr,
Erfüllt, und wird ein Theil von seinem Leben;
Das Schöne, Gute thun wir tausendmal!
Der Fehler selbst wird tausendmal verbessert!
Ein Jeder wird einst der er wollte seyn,
Und so wird er der Engel — der er ist.
Drum, lieber Jüngling, schone deines Lebens
Bis dahin, wo es nicht mehr Drang und Traum, ist!
Bis dahin, wo der Bettler selbst ein König
Von Tagen —
(die nun alle selige sind) —
Von Geistern wird, die ihm nun alle dienen,
Ein König und ein Herr des eignen Lebens!
Das Leben eines Alten ist der Himmel!
Die Seligkeit! denn in ihr wohnt ein Gott.

20

Ein großes göttliches Bewußtseyn nur
Gehört zu göttlicher Zufriedenheit;
Daß wir nicht das mir sind, was wir erscheinen,
Nicht das nur haben, was wir bloß besitzen.
Ein jedes Menschenleben bildet sich
Den Gegensatz, und jeder lebt im Geiste
Das, was er in der Wirklichkeit nicht lebt.
S o wird der Reiche arm und muß es werden
Durch Arme, die er vor sich sieht — ihn schützt
Davor nicht eignes Gold! So wird der Arme
Fast überreich, durch jene tausend Schätze
Die er vermißt! ihm schadet dabei nicht
Die Armuth — nein! vergrößert durch die Thränen
Glänzt ihm die Welt. Dem Reuigen erscheint
In seiner heiligen Reinheit erst der Gott,
Weil er der Sünder ist! Drum lebt es sich so schön
Auf dieser Erd' im Gegensatz des Himmels,
Der wie ein Bild uns vorschwebt! einer Glocke
Gleich, uns bedeckt; und auch dieß schöne Bild,
Der Gegensatz, gehört zum Menschendaseyn,
Um uns mit allen Wesen zu verbinden,
Und ihres Wesens theilhaft uns zu machen.
So leben wir im Sinn der ganzen Welt,
Zu der die inn're Seligkeit gehört,
Und sind zufrieden, wenn wir das erkannt.

21

Von selbst ist Alles ewig. Darum war es
Das höchste Meisterstück: Vergängliches
Hervorzubringen — Etwas das nicht scheine
Schon dagewesen; was verschwunden scheine,
Vielleicht verschwunden sei, wenn's nicht mehr da ist,
Und was doch wunderbar, den Raum erfüllend,
Die Zeit andauernd ganz unläugbar da sei.
Den unergründlich - tiefen See der Kräfte
Ließ darum einst der Meister überströmen
Zu unaufhörlich breitem vollem Sturze
In unabsehlich jähe Tiefe. Schweigend
Nun stürzt der See, und wird — ein ruhig Bild
Aus immerfort zum Abgrund flieh'nden Massen;
Hell blitzt er in der Sonne; fest, nie wankend
Steht auf dem ew'gen Sturz der Regenbogen
lind deckt mit heitern Farben Grauses zu.
Wir — schiffen droben auf dem uferlosen
Rathlosem See, still unaufhaltsam nah
Und näher — und in seinen Sturz gezogen,
Und singen Lieder, Abschiedslieder an
Die Lieben, die fern hinter uns noch schiffen,
Die bald auch singend an den Sturz gelangen
Und jäh verschwinden, wo wir erst verschwanden
In Schaum und Donner — in den Strom der Welt.

22

Sich ein Bestimmtes einzubilden, Dieses
Allein verlangen, einzig dafür leben,
Das ist des Menschen göttlichstes Vermögen.
Und nur die Liebe kann es und die Jugend:
Der Geist, der erst unlängst vom Himmel kam,
Der ihn, nun unbewußt, noch rein erfüllt,
Jndeß er seine Augen über Alles
Der Erde Neues, Schönes sanft eröffnet.
Erlangt der Mensch was er sich eingebildet,
Dann fließt der Himmelsstrom auf Erden fort,
Worein er wie zu baden niederstieg,
Und Geist und Welt sind Eins, und Tod und Leben.
Erlangt er's nicht — dann wacht die Seele auf
Wie lebend in dem Grabe; das Gezelt
Der Sterne scheint ihm eine Todtenhöhle
Und Frühlingsduft nur Moderduft; sein Tod
Ist eine Flucht, und ohne sie zu segnen,
Läßt er die Welt, worein er sich verirrte.
Was ist denn nun das Eingebildete?
Was schaut denn Lieb' und Jugend doch in ihm?
Sie schaut allein das Göttliche auch göttlich,
Ihr trägt es keinen Schleier, nackt und herrlich
Sieht sie das Werk des Gottes stehn und schaudert;
Sie bildet sich nicht ein — sie bildet aus,
Und wer geliebt hat, der nur ist gebildet,
Nur wer gebildet war, der hat gelebt.
Und wenn Das auch versank, was ihm erschienen,
Das hebt die Göttlichkeit der Welt nicht auf!
Der Greis vergißt es noch im Alter nicht;
Im Grabe — stürzt er ihm nur nach! er findet
Es wieder, wo ihm Göttliches und Schönes
Begegnet. Wer sich nie was eingebildet,
Der liebt' und lebte nicht, an dem war nichts
Zu bilden — ja er stirbt auch nicht. Denn nur
Der Glückliche kann auch wahrhaftig sterben
Im süßen schönen Sinn des Worts, und diesen
Nur solls dem Menschen haben, will der Gott.

23

Die Nacht setzt alle Könige ab; die Richter,
Die Priester sind nicht mehr; die Narren, Mörder,
Doctoren, Kirchen, Alles ist verschwunden,
Ruinen giebts nicht mehr, nichts ist mehr neu
Noch alt, kein Kind ist jung, kein Greis betagt;
Unglücklich ist mehr Keiner, Keiner bettelt,
Des Königs Scepter und des Bettlers Stab
Ruh'n beide, gleich - vergessen, eine Nacht,
Und wie im Grabe ruht die Menschheit aus,
Von ewigen Gefühlen leis durchwallt,
Von ewigen Gedanken still erfüllt. —
Drum könnte eines Morgens je die Menschheit
Vergessen, was sie an den vorigen Tagen
Geträumt zu seyn — und könnte sie bewahren,
Was sie die Nacht gewesen: gleich und göttlich,
Dann war' ihr wohl! dann war' sie reich und frei! —
Doch sieh! so ist's! so wird es leis allmälig;
Was sie voreinst gewesen, hat die Menschheit
Fürwahr schon halb vergessen; alle Traume
Der alten geistbeschränkten schweren Tage;
Und was sie alle Nächte ihres Daseyns
Gelebt, das fangt sie an am hellen Tag
Zu träumen! Das Gefühl, womit sie oft
Ja viele tausendmal den Erdentand
Und alle das Geräth der Sonnentäuschung
Bei jedem Schlafengehen abgelegt,
— Und auch das Sterben ist ein Schlafengehn
Dieß nichtig und erhebende Gefühl
Befestigt sich im wachen Geist der Menschen,
Und nicht der Tag wird bald die Welt beherrschen,
Nein, herrschen wird die Nacht, die große, freie,
Gleichmachende, die Mutter aller Götter.
Und wer schon jetzt im hellen Licht der Sonne
Das Große denkt, das Heilige empfindet,
Dem ist die Sonne, ist die Zeit verschwunden
Und göttlich steht er in der alten Nacht
Im Zauberglanz der großen Geister alle
Im warmen frischen Urquell selbst des Gottes.

24

Willst du von zweien Dingen wissen, welches
Das Rechte? — Nimmer ist es das Bequeme!
Was dir die meiste Mühe macht, das ist es!
Das würde dir 's sogar! Denn du besiegst
Dabei der Stoffe alte Trägheit, du
Besiegst dein eigen Herz. Denn sonderbar
Nun, oder göttlich, ist Das Andern gut,
Was Dir es ist; da draußen an der Welt
Nur kannst du dir dein eignes Glück verdienen.

25

Im Frühling stand der Morgenstern am Himmel,
Sah rings die Erde blühen, ihre Kinder
Beglückt von nun vermeinter ew'ger Lust,
Die aus den unerforschten Himmelshallen
Auf Erden sich entzündet. Lächelnd sah er's,
Und schwand im Glanz und Licht des jungen Tages. —
Als Abendstern kam er im Herbste wieder,
Und alle Frühlingspracht war längst erloschen.
Und wieder sah er's lächelnd; doch er blieb,
Bis sanft der Erde Kinder eingeschlafen.
Und wie zum Leuchtthurm aus der Meereswüste
Sah ich zu ihm hinüber, und mein Geist sprach:
Was hier in diesem Himmel uns geschieht,
Was solche Götterbilder lächelnd schaun
Und segnen, segne das auch du, o Mensch!
Wer übet vor den Augen der Geliebten
Nicht Edles gern und leicht das Höchste aus?
Wer stirbt nicht freudig, wenn's sein König sieht?
Nun weißt du, Mensch: Dort lebt ein andrer König!
Dort sehn dich andre liebevolle Augen!
Und wärst du überall auf immer todt,
Wenn sie dich hingesenkt, was wär' es weiter.
Als wenn auf seiner Mutter Schooß, das Kind
Entschläft, indeß der Vater wacht! — Welch Schauspiel
Für Götter ist ein kindlich frommer Mensch!
Doch sieh, du hast den ew'gen Stern geschaut,
Der jeden neuen Frühling wiederkehrt,
Vom Vater still zur Mahnung hergesandt;
Wer nicht das Ew'ge sehnt, nicht liebt, wie soll Der
Unsterblich bleiben, wenn er's ist? und wer
Die Seele in des Vaters Ewigkeit
Versenkt, wer sie ergreift, wer sie ihm gönnt,
Und wer Ihn liebt, der wird dadurch schon ewig,
Und wir' er's nicht gewesen! Einer ist
Der Ewige! Es liegt ein Anker wo!
Nicht ohne Halt ist dieser Welt Erscheinung!
Und diesen denkend, diesen in die Seele Rein aufgenommen, stirbst du, kannst du sterben,
Du liebender, du hochbegabter Mensch.
Gedanken sterben nicht. Bist du Gedanke
Geworden, Gönnen, Lieben — sage, bist Du
Dann nicht der Geist, an den die Welt sich hält, Die Menschheit, und — auch dort der Abendstern!

26

Was ist die Welt wohl Werth? du reiner Geist. —
Ich weiß es nicht; den Todten wohl sehr wenig;
Den Alten etwas weniger wenig, mehr
Der Jugend, mehr dem Antheil, Alles aber
Vielleicht der Liebe zu ihr. Wenig sind
Die Dinge, wenig ist das Leben selber;
Am Ende ist und war es Nichts, ja gar nichts
Als unser Traum davon, als unsre Sehnsucht
Danach, als unsre Freud' und Lust daran
Und unsere Zufriedenheit damit.
In unsrem Herzen liegt der Werth der Welt;
Wir ziehn durch sie vorüber, wie die Sonne;
So hell wir glänzten und so warm, wir strahlten,
So viel wir Blumen, aus der Erde lockten —
So schön, so freudevoll war unser Tag!
Der Mond wird schlecht von unsrer Erde sprechen, Weil er mit kaltem Schein sie Nachts nur öd' sieht.

27

Bei Frühlingsnahen sprich' ich wohl zu mir:
Was einem Menschen ziemt zu schätzen? — mögen
Es höchstens die Gestirne seyn, wenn sie
Etwas Unsterbliches hervorzubringen
Im Stande sind! Wenn nicht, dann sinken sie
Im Preise, nur zu schätzen, weil sie selbst
Vielleicht langlebend sind, und diese Erde
War' auch noch-ehrenwerth — so wie ein Greis
Von tausend Jahren. Doch sind die Gestirne
Nur blüh'nde Inseln in dem Aethermeer,
Drauf Blumen sich im Frühling niederlassen
Und Sommervögel, wohl auch schöne Menschen,
Dann haben Sie und diese keinen Werth,
Wenn's keine Heimath für dieselben giebt!
Zu achten ist dann Nichts, als noch der Mensch,
Der nichts mehr achtet! als ein rein Gemüth,
Das seinen eignen Werth sich schafft — in Demuth.
Und selbst als Mährchen ist die Welt noch schön!

28

O Frühlingssonne, und o Frühlingserde,
O laßt auch mich schon sterben! Denn was seh' ich!
Kaum ist der Schnee geschmolzen, kaum
Die düstre Wolkendecke weggezogen,
Kaum säuselte ein warmer Hauch hernieder
Und spielte mit dem alten dürren Laube
Des letztverhallten Herbstes, kaum begann
Die Erde junges Gras hervorzutreiben —
Da seh' ich eure Häupter schon verwelken,
Da sterbt ihr schon, Schneeglöckchen! und ihr senkt
Sie still und duldend auf die alte Erde,
Ihr geht! Und nun erst soll das Veilchen kommen,
Die Lerche schwirren und die Mandel blühen!
Was Alles sollt ihr nicht mit anschaun, Glöckchen,
Den Apfelbaum in seiner Blüthe nicht,
Die Rose nicht, die nachbarliche Erdbeer,
Die Kirsche nicht — das Alles soll hier oben,
Hier über eurem Grabe himmlisch leben,
Wenn ihr dahin seyd, und gelassen senkt ihr
Die Höupter schweigend auf die alte Erde! —»
So weint' ich! — Doch ihr geht auch, sprach mein Geist,
Aus ahndevoller lebenreicher Welt;
Ihr werdet nicht die gelben Blätter sehen,
Den Todeshauch des Herbstes nimmer hören,
Ihr werdet, wie die Aster, nicht den Hingang
Des Schönen allen bang erleben , nicht
Die letzte Blume seyn! O, ihr seyd selig,
Schneeglöckchen! — und wie gleicht euch doch der Mensch!
Der, wenn er achtzig Iahr alt stirbt, doch erst
Im Anhauch ew'ger Frühlinge schon scheidet,
Die alle nach ihm, nach ihm blühen werden:
Die Freiheit, Fried', und stille Seligkeit!
Schneeglöckchen! ach, ihr seyd ein Bild der Menschen —
Im Anfang eines schönen Lebens — scheidend!




 

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