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Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1Capitel II.
Maskenfreiheit

 
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Was wir nicht sind, das scheinen wir gern,
Am liebsten: Große Frauen und Herrn.       

Der Assessor ging, den fast immer geradesten, kürzesten Weg — den Umweg — also nicht seinen Freund Landgraf aufzusuchen, sondern dessen Feindin, seine geschiedene Frau. Wie es die Uneingeweihten wußten, und wissen sollten wie Zeitungsnachrichten — hatte Frau Landgräfin bei der schon vor Jahren erfolgten Scheidung die Tochter Hortensie behalten — welche hinterrücks, ihres Stolzes wegen, die Landcomtesse genannt ward; Landgraf aber hatte den Sohn überkommen, einen zwar großgewachsenen aber ganz mißrathenen, hinterlistigen Menschen, Namens Rembrand. Wenn der Assessor Freudenreich, der bis um 10 Uhr als Maskenprüfer die jour oder die nuit gehabt, nicht gewußt hätte, in welcher Verkleidung die Frau Landgräfin einpassirt, so hätte er sie doch nur unter großen und vornehmen Charakteren gesucht, wie ihre Hochtrabenheit nicht anders vermuthen ließ; auf einem bloßen Gesichterball im heißesten Sommer hatte er sie schon von hinten, ohne ihr Gesicht zu sehen, an dem Spiegel ihres schweren, schwarzen Sammtkleides erkannt, das sie des theuren Staates wegen selbst in der unausstehlichsten Hitze trug. Heut aber wußte er, daß sie als

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Papst angezogen, mit einem kaum zu handhabenden Pfauenschwanz-wedel versehen, und aus Vertrautschaft mit dem Pantoffelregiment, wohlbepantoffelt im Fond des Saales unter dem kostbaren, strahlenden Wandleuchter thronte. Im Hindurchdrängen bis zu ihr begegnete er an, gezählt, siebenundzwanzig jungen schönen Gräfinnen Platen, die alle ihre Maske heimlich gehalten, bis sie hier alle offenbar geworden, deren Einige sich blos durch Kammerjungfern oder vielmehr militärische Kammerjunggesellen, oder durch eine Inschrift auf dem Säbelgehänge unterschieden, deren eine die Worte enthielt: „Heule mir, morgen dir;“ nebst darunter stehender lateinischer Übersetzung: Hodie nobis, cras vobis. — Drei Männer mit rothen Schildern saßen auf einem Sesostriswagen, und wurden wie dieser gezogen, Der Eine stieg vor der Frau Landgrafin ab, küßte ihr blos die Hand, und ward dafür sehr unanständig auf die Schulter geklopft, da er sich einen Buckel gemacht. Nach dem Pantoffelkuß setzte sich der Assessor neben Frau Landgräfin und begann, da er kein Abzeichen sah, mit der Lorgnette sie musternd, sehr komisch: Quel numero, Monsieur?

       Sie nahm als Antwort ihre Maske ab, unter welcher noch eine blauschwarze Maske erschien, und sprach blos: Ganganelli; oder Lange, blos aus Guben; Lange aus Guben, wie man entdeckt haben will. Aber, liebster Fortunatus, sehen Sie nur dort die Ninon de l'Enclos — die Landrichtern!

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      Da diese ihre Feindin war, so fiel der Assessor aus der Maske und bemerkte: Schade, Schade, hochverehrteste Frau Landgräfin! (denn Madame sollte sie Niemand nennen, weil „Madame Landgräfin“ ihren vermeintlichen Titel verdarb; das wußte der Assessor Freudenreich.) Oder — fuhr er fort — theuerster Ganganelli, vergiftet Sie das nicht noch einmal, oder erweckt sie ins Leben — — Diese Ninon will durchaus nicht, daß hier in unserer Stadt ein Musikfest gefeiert werden soll — weil ihre große, nicht üble Tochter nur reden aber nicht singen kann, dagegen Ihro Heiligkeit Tochter Hortense sich in den Concerten mit Ruhm bedeckt, als Prima Donna, Loci nicht nur, sondern aller Locorum weit und breit! Mehrere Damen ersten Ranges treten ihr bei: die Herren Vorsteher zu hindern, unsre 6000 Thaler Überschuß zu einem Musikfest zu verwenden. Und die Herren Vorsteher wollen nun selber durchaus nicht daran, aus Furcht vor jenen Damen, deren Herren ihnen dann im Amte Hudelei machen können, und der Kaufmann Schönknecht fürchtet sogar, dann seinen Absatz geschmälert zu sehen. Es wird also nichts aus dem Musikfest, das eigentlich jetzt jede Stadt feiern kann, da außer Wien, Paris, London und etwa Berlin, doch keine Stadt aus sich eine nöthige Zahl Sänger und Bläser und Streicher zasammenstellen kann. Die deutschen Musikanten sind aber so zahlreich, daß man einen Cholera-Cordon damit ziehen konnte, wenn sie capitelfest wären, oder sind eine Art Landwehr, die regimenterweise da aufmarschiren, deployiren, und ihr Exercitium machen kann, wo es

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der Nothstand der Ohren erfordert. Aber wie gesagt — die Verschwörung und ihr Haupt, das Lockenköpfchen der Frau Landrichterin — —
      Frau Landgräfin nahm als Antwort nur ihre Maske ab, um durch die Schwärze ihres Untergesichts ihren Haß und ihren Zorn zu bezeugen.
      Noch nicht genug, fuhr Freudenreich fort, wenn auch diese Sprecherinnen und Rechthaberinnen der Stadt zu beseitigen seyn sollten, so geht das ganze Werk nicht ohne eine Dampfmaschine daran, verehrteste Frau Landgräfin — ich meine, ohne Herrn Landgrafen — der auch noch nicht will, versichere ich.
      Bei diesem Wort entfiel Ihro Heiligkeit der gestickte Pantoffel von dem kleinen Fuße. Freudenreich lächelte sehr bescheiden, hob ihn auf, küßte ihn, und steckte ihn fest auf das Füßchen.
      Wo ist er wohl? und in welcher Maske irrt das arme, verlassene Schaf denn herum? der Landgraf, liebster Fortunatus!
      Liebste Frau Landgrafin, antwortete ihr, mit der trostreichen Aussicht auf Gelingen zufrieden, Herr Freudenreich: Wahrscheinlich sitzt er in dem, vielleicht auch Ihnen bekannten Club der „Ihrer Weiber Freunde.
      Mein Gott! das Husarenregiment ist ja ausgerückt! Was besteht denn der Club noch? Die Damen, die „Ihrer Männer Freundinnen“— (und anderer Weiber Feindinnen) haben sich ja auch aufgelöst,

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da die Oper, das Theater u. s. w. nicht schön besetzt ist, und auch sonst wenig Verlockendes, Fremdes am Ort ist, jetzt außer der Badezeit! O die Badezeit! Da wären freilich zehn solcher Clubs außerdem nicht überflüßig, wenn hundert langten! O ihr blinden Männer! Und was machte mein Geschiedener in dem Club?
      Doch muß er dort seyn, sprach der Assessor, denn ich sehe keinen „Verstorbenen“ im Saal; als solcher ist er maskirt und sprühte vorhin Witz und Satyre von sich. Übrigens wissen Ihro Heiligkeit, der alle Sünden der Stadt gebeichtet werden, daß er dem Club schon längst nicht mehr beiwohnt, als Mitglied der . . . . „Ihrer Weiber Freunde,“ sondern blos um seiner guten alten Zeit zu gedenken, um wenigstens noch seines Weibes Freund zu heißen, und als Dampfer und Regulator, damit nicht der Kessel des Unsinns springt.
     Nur die verzweifelt schöne Tochter des blinden Russen, Bäckerstochter, gleichsam Landgrafens Pflegekind, seine Marotte und künftige Mara, seine „süße, liebe, köstliche Isaline“ — fürchte ich noch! Die stellt dann Landgraf mit an, an das erste Pult! und putzt sie zum Todtärgern aus! warf sich Frau Landgräfin ein.
      Nehmen Sie dieselbe zu Gnaden an! Ihro Heiligkeit — zeigen endlich ein christliches Herz, versöhnen sich, so, so, mit ihr; versprechen ihr Vieles, Alles — und halten dann Nichts, und machen sie zum Feste unschädlich! Ihro Heiligkeit bitten das gute,

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gewiß gern und gerührt erscheinende Kind nur den Tag vor dem Feste zu sich, und setzen ihr einen tüchtiger, fetten Schweinebraten vor; Isaline trinkt nur kaltes Wasser . . . . und . . . 
      Diese Worte wurden mit sehr gnädigem Pfauenschwanz-Zuwedeln aufgenommen, und der Assessor dachte: Dem wollen wir schon vorbauen! Denn er liebte das herrliche unbekannte Mädchen, wie irgend ein Assessor lieben kann, (was entsetzlich viel gesagt ist), und hoffte noch ihre Hand, da er Geld vollauf hatte und ein liebenswürdiger Mann war.
       Jetzt küßte er den Pantoffel und erwartete gelassen die Wirkung seiner eingegebenen Tropfen.



 
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