Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel III.
Die Jugendfreunde

 
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   „Das hab' ich nicht gedacht,“
Das macht zum dummen . . .
   „Das hab' ich nicht gethan,“
Das macht zum rechten . . .
   „Das hab' ich nicht gewollt,“ 
Das macht zum guten . . . 
    „Das ficht mein Herz nicht an,“
Das macht zum starken Mann.

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      Kaum das kleinste Geschäft verläuft so gerade fort bis zu Ende; kaum ein Faden Seide wird vernäht, ohne sogenannte Störung, ohne Einmischung, und wenn auch nur ein Wölkchen vor die Sonne treten sollte; kaum ein Beet im Garten wird umgegraben ohne Verwandlung umher, und wenn auch nur ein Tropfen Regen fallen sollte, ferne Gewitter herein murren, oder die Abendsonne dem Menschen einen langen Schatten machen, oder hinter die Berge treten. Und dies Alles darum, daß der Mensch aufschaue und sich immer bewußt sei, in welcher großen schönen Werkstatt voll Liebe und Leben er sein vermeintlich kleines Daseyn vollbringe. So mischte auch hier die Welt sogleich ein neues Element in die Anfänge einer den Herzen lieben Angelegenheit. Wie fast immer schwoll durch das neu hinzugekommene Ferment — sogar aus traurigen Stoffen, die ein beklagenswerthes Schicksal geliefert, die Sache zur rechten Größe und zu freudiger Entwickelung.
      Denn nicht nur, daß Frau Landgräfin sogleich ihren geschiedenen Mann, Herrn Landgraf, aufsuchte — da sie wußte wie einflußreich und meist entscheidend es sei, auf die ersten Entwürfe und Anfänge eines Werkes rasch und entschlossen einzuwirken — sondern auch der reiche Banquier Nathan Moselsohn suchte sehr eilig Herrn Landgraf, in Aufforderung des Buchhalters eines großen Handelshauses in Amsterdam, das ihn mit wichtigen Urkunden für die Abendfreiheit hierher gesandt hatte. Und der Buchhalter Jaïs, sonst Doctor Jaïs, war

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der beste Freund von Landgraf aus seiner schönsten Jugendzeit, und als Knaben waren sie hiehin und dorthin geschieden, und hatten sich nicht mehr wieder gesehen.

      Landgraf aber saß indessen, so glücklich er seyn konnte, im Hintergrunde des großen Speisesaales in einem traulichen, brusthohen Cabinet, getrennt von der Menge, wenn man saß, und bei ihr, wenn man aufstand. Da saß er, wie die Perle im Golde, zwischen zwei schönen Mädchen, so schön, daß jede Alte, Häßliche und Arme wider Willen seufzen mußte, und so gütig und lieb, daß er, gerührt von ihrer Milde auch gegen ihn, mit feuchten Augen gleichsam gestärkt von ihnen hinwegging, und doch denken konnte: Wenn ich reich wäre . . . wenn ich schön wäre, . . . wenn ich jung wäre, ach, dann, dann! Das Mädchen zur linken Hand von Landgraf war Isaline, als ein griechisches Mädchen maskirt, als die Führerin ihres wirklich blin» den Vaters, des Flötenspielers Silbermann, der ihr gegenüber saß als Belisar gekleidet, aber jetzt ohne Maske — denn sie wollten essen. Landgraf zur Rechten saß Giovanna, eine junge Italiänerin, mit schwarzem Lockenkopf und feurigen Augen; und in den Rosenlippen, in dem schönen Munde und dem weißen Hals und der Kehle und Brust, schlief jetzt wunderbar die rührendste Altstimme, die je ein Ohr gehört. Giovanna gegenüber saß wieder ihr Vater, ein unbekannter, reich und vornehm gewesener

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Italiäner, der hier in dem volkreichen Badeort sich unter dem Namen Palmanova verborgen hatte, da er wahrscheinlich wegen auf ihm ruhenden fälschlichen Verdachts, unschuldig aus seinem schonen, armen, unglücklichen Vaterlande mit seiner Tochter geflohen war. Dieser Tochter zur Seite, quervor am Tische, saß Rembrand, Landgrafs Sohn, sichtbar mit Auge und Ohr, mit Leib und Seele abhängig von der lebhaften Giovanna, ihr zugehörig mit der Hoffnung: daß sie sobald als möglich zu ihm gehören solle mit Leib und Seele. Sie war als schöne Büßende gekleidet. Er aber, eitel genug, als Shakespeare, von dem er nichts hatte, als das spitze Kinn, und das einem Juden etwas mehr wie nöthig ähnliche Angesicht, so wie er überhaupt „die Erlaubniß häßlich zu seyn“ beinahe mißbrauchte. Auch Isaline hatte zwei Liebhaber, Bock und Engel, denen sie im Saale, hinter der Maske lächelnd, nur ihre Namen in die Hand geschrieben, worüber sie glücklich, daß sie von ihr erkannt worden, sich verneigt hatten. Ihr dritter Liebhaber war ihr unbekannt, ob er gleich mit am Tische saß, und der nicht Landgraf war, sondern der schöne, junge Alt — Giovanna, der mädchenschöne Sohn des Italiäners, der ihn, besorgt um sein Leben, wie einen jungen Achill unter Frauenkleidern verborgen.
      Landgraf hatte seine Gäste, von Austern, Caviar und Trüffelpastete an, mit den besten und feinsten Speisen und dem ausgesuchtesten Cephalonier, Sicilianer und Capwein, bis zu dem aufgesetzten Desert bewirthet, drehte so eben die Krone aus der goldenen, duftenden  

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Ananas, um sie anzuschneiden, als ihm gemeldet ward — sein Jugendfreund wünsche ihn sehnlich zu sprechen.
      Ein Jugendfreund! Bin ich denn jung gewesen? sprach er. Es ist mir so! Ach, wem ist nicht so? Selber die Jugend glaubt schon einmal viel seeliger gewesen zu seyn, und möchte gern einen Schatten jenes alten, ewigen Glücks auf der Erde sich wieder hervorzaubern. Der Versuch war erlaubt. Gelinge er Jedem! Wir Andern versuchen später sogar nur das arme Erlangte und Verlorene zu ersetzen, oder so gut es geht . . . Flecke auf den zerrissenen Mantel des Lebens zu setzen. Mir ist so eigen! . . . wenn Sie erlauben . . . einen Augenblick! Die Sonne hat 20 Jahre daran gearbeitet, ehe ich ihn erleben konnte.
      Landgraf war kaum mit dem Aufwärter fort, als sich seine Geschiedene — als Pantoffelkönigin die kleine Gesellschaft begrüßend, neben die ihr verhaßte, schöne Isaline setzte, um sie zuerst zugewinnen, damit Er, was er ihr nicht thue, der jungen Freundin gewiß nicht abschlage, gegen die sie vor Eifersucht brannte, und ihr nur gezwungen ein solches neues Übergewicht zugestand, wenn Isaline ihn bewog!
      Landgraf fand in dem für besondere Fälle eigens bestimmten, einsamen Zimmer einen Fremden, der aufstand, den Leuchter nahm und sich lächelnd vor den Freund stellte.
Mit großer Sehnsucht besah ihn Landgraf von allen Seiten, er fühlte sogar 

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das feine, blaue, holländische Tuch des blauen Rockes an, er sah ihm in die freie Hand.
       Er erkannte ihn nicht.
      Der Fremde sprach: Landgraf, weißt Du, als Deine Mutter gestorben, und Du über das gepflügte Feld gingst, und vor Schmerz und Betäubung mir dem Kopf in die Furchen stürztest und liegen bliebst . . . 
      Er erkannte die Stimme nicht.
      Spielsachen bleiben klein! als Greis erkennen wir die kleinen Männer mit Thränen wieder, sprach Landgraf — aber mein Gott, ich klage die Natur an, daß Menschen, Freunde, bis zur Unkenntlichkeit sich verwandeln! Verzeih' also mir, Du Guter! Ich bin nicht die Sonne gewesen, die alle Tage Dich hat als einen Andern gesehen und weiß, unter welcher Gestalt nun jenes Kind verborgen ist, das Du mit mir zugleich gewesen. Die Natur hat auch Albernes! Wie hart, wie herzlos, wie dumm erschein' ich da vor einem Menschen: Ich habe bisher geglaubt, ich bin ein Mensch gewesen — und sehe nun: ich war schlimmer als ein Frosch mit siebenerlei Schwänzchen! Und Du auch warst nicht besser. So wie uns an diesem Auferstehungsabend, wird vielleicht Unzähligen an dem „Dieb in der Nacht“, dem allgehofften Morgen seyn. Und wenn ich Deinen Namen nun von Dir höre, was wird das die Sache ändern, theurer Bruder Frosch! oder lieber, Du Sommer- oder Jugendvogel, der nun als Seidenwurm in einem undurchdringlichen Cocon von Tagen sichtbar vor mir verborgen dasteht . . .

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und ich glaube: weint aus den alten Augen . . . Kinderthränen!
      Wie da, sprach der Jugendfreund, indem er sich die schwarzen Haare aus der Stirne strich, als Du mir hier die Wunde mit einem Scherben warfst; — die Narben des Lebens bleiben.
      Jaïs! rief Landgraf, Du bist Jaïs! und die junggezauberten Kinderseelen umarmten sich mit 45 Jahr alten Armen, und drückten sich an das Herz, das wie ein Blüthenstrauß so lange im Strudel des Lebens gelegen, und jetzt schwer und wunderlich versteint war von seinem Niederschlag.
      Jaïs erzählte dem Freunde nun nachträglich, wie es ihm ergangen; wie er in Hamburg als Violinspieler eine reiche Kaufmannstochter durch sein imposantes Instrument bezaubert, so daß sie nur ihn und sonst Keinen, selbst den reichen Kaufmannssohn nicht, zum Manne haben wollen. Da sei er weggereiset, um in Hannover eine lebenslange Anstellung sich zu versichern — da habe der zweite Liebhaber der reichen Erbin in den Correspondenten setzen lassen: Er, Jaïs sei auf seiner Reise gestorben und begraben, Beileidsbezeugungen verbeten gewesen. Aber über die Todespost, die ihr der eigene Vater verkündet, und der Kaufmannssohn nochmals vom Blatt abgelesen — sei die Braut in Ohnmacht gefallen, aus Ohnmacht in Krankheit, in welcher sie verheirathet worden sei — da habe sie auf dem Krankenbett ihn den gesund zurückgekehrten Geliebten wiedergeschn, gesehn, daß sie betrogen sei,

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gesehn, daß er lebe — habe einen gewaltsamen Schrei ausgestoßen, und sei darauf in Wahnsinn gefallen, und glaube die Wittwe eines großen Contreriolons zu seyn, und gehe in tiefer Trauer, ohne ihn mehr zu kennen. Darauf habe er kein Violon mehr anrühren können, und sei in Bremen ein Kaufmann geworden, zuletzt Buchhalter in Amsterdam; und von daher komme er im Auftrage seines Hauses — Spinoza & Comp. — mit einer gewaltigen Summe Geldes eines gleichfalls unglücklich gestorbenen Liebhabers, eines holländischen Gouverneurs, der hier geboren sei.

      O, wie dauerst Du mich! sprach Landgraf. Wem das Leben, wie Dir armen Knaben, fehlgegangen ist, wie ich Dir es damals nicht angesehen habe, der hat es nicht gelebt, der hat es gelitten. Aber ich preise Dein Loos noch vor meinem! Es giebt glückliches Unglück — wo das Glück der Herzen nur durch Andre nicht ausblüht und reif wird. Hingegen giebt es unglückliches Glück, wo Einer sich in dem Andern täuscht, und in sich selber zuerst. Ich habe in meinem Leben nie geklagt; alles Üble und Schlechte habe ich wie schlechtes Wetter dahingenommen, über welches nur einen Laut zu äußern Unsinn ist. Auch weiß ich, die Menschen haben keine Ursach, Theil an unserem Geschick zu nehmen, und was die Meisten für Schadenfreude halten — ist sogar keine. Dir aber will ich den Korb voll meiner im Leben gepflückten Disteln ausschütten — endlich macht es Freude zu sehn, wie stark

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wir waren, so viel dummen Iammer so lange verachtet zu haben.
      Kann man mehr als das Leben verlieren? frug ihn Jaïs.
      O! man kann es verderben! Das ist elender! tröstete ihn Landgraf. Wer Alles wüßte, Alles vorhersahe, und dann noch Alles wieder gut machen könnte, nur der wäre sicher, wirklich glücklich zu leben. Der Mensch müßte also ein Gott seyn. Wir sind aber arme Stümper. Den Männern kommt das Glück von den Weibern, aber dadurch: daß ein Mann das Rechte von der Rechten vermuthet. Hat er kein Weib gekannt, keiner geglaubt, so ist er noch nicht einmal zum Unglück gekommen. So geht es umgekehrt auch den Weibern, sie werden nur glücklich durch uns Männer; aber das ist das Elend, daß auch die Schlechte nicht durch einen guten Mann glücklich wird, sondern sich erst recht miserabel fühlt. Und so thut mir meine Schauspielerin auch heut noch leid — verdientermaßen! Ich will Dir es kurz erzählen.
      Erzähle! Dir muß Außerordentliches geschehen sevn! versetzte Ja'is.
      Im Gegentheil, das Allergemeinste; fuhr Landgraf fort: Es gab eine eitle Sängerin — und die hab' ich dlos geheirathet. Du lächelst! Wen und was Alles liebt nicht ein junger Mensch in einer Schauspielerin oder Sängerin! Die Welt! Die tiefe Welt, die seelig wehmüthige, die schöne! Und wer führt sie uns vor? ein frisches schönes Naturgebild mit welchen Augen!

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welchen Blicken! Es scheint wohl zum verzweifeln. Aber es scheint nur! Denn wer hat sich in die hohen alten Göttinnen und Heldinnen gesteckt! Mein Freund, Schauspielhaus und Opernhaus ist bei uns ein bleibender Artikel geworden, wie die Kirche, und sie kosten dem Volke weit mehr als diese. Ich könnte Dir das vorrechnen. Aber nun sollte es auch Schauspielerschulen und Schauspielerakademien geben, wo nicht blos versprengte Jünglinge und Mädchen hinter den Coulissen singen und spielen lernten. Das Theater selbst ist die schlechteste Schule für das Theater.  Herzensbildung, Weltbildung, das ist die Schule des wahren Schauspielers und Sängers. Sich da oben auf den Bretern benehmen, das ist dann eher gelernt. Die Natur, das Genie wirken nur ächt, und sind des Geldes werth. Ich will nicht leugnen, daß wir viele Genies, sich eigen gebildete Talente eben in dieser jetzigen wilden Weise besitzen. Wie ich die Sache aber jetzt ansehe, und seit ich Bescheidenheit und unverdächtiges trocknes Brot höher achte, als Eitelkeit und Kälberbraten, seitdem behaupteich: kein bescheidnes Mädchen mit ächtem Natursinn, willig für das Menschliche, wird die Bühne betreten, weder nm eine Gurli zu werden, noch zu gurgeln. So stehen bis heut die Sachen, und eben darum fordere ich eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben wird, so wahr ein guter, reiner Geist Alles durchdringt und neu schafft. Ich heirathete nun meine Charlotte Caroline, aus Weltgefühl, aus Eifersucht, aus Mitleid mit der Stellung und Lage einer Sängerin,

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um sie aus allem solchen mehr als Elende herauszureißen, aus aller Coulissen - Garderoben- und Probenschmach. Sapienti sat! Du siehst, ich hatte also einen hohen Begriff von Kunst, und glaube an ihr hohes, reines Wesen, sonst hienge ich mich noch heut! Meine Frau war vorher in Petersburg engagirt gewesen, sie schilderte den nordischen Winter, schon einen Wintermorgen mit Purpursonne und Silberflimmer des Schnee's, und die Freuden, die der russische Mensch der Kälte Tag und Nacht abtrotzt und aufdrängt, so lieblich, daß mich der Teufel plagte, nach jener Introduction, jenem Ritornell von Sibirien zu fahren! versteht sich mit ihr und unsrer kleinen dreijährigen Tochter Sabina, meinem Herzblatt, das mir dort ausgebrochen ward. Ich muß nämlich meiner Frau die Offenheit und Redlichkeit nachrühmen, mit welcher sie mein Kind nicht leiden konnte, das, oder weil Ich es so liebte; freilich ein wenig einseitig, halb, allmählich ganz allein, und das Kind mich wieder ganz allein. Mein Mädchen mußte in erbärmlichen Kleidern zehn, und ich hatte das wahre Vergnügen es zu waschen und anzuziehen unter sauren Blicken und Lachen meiner Sonne im Hause, die das Wetter machte. Ich konnte deutlich verstehen: Ich sei ein Narr gewesen, daß ich sie erlöst; und sie eine Närrin, daß sie sich an mich gehangen. Denn ich muß der Natur der Liebe in ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie merken ließ, sie habe die Liebe gebrochen durch Duldung meiner Liebe zu ihr; und im

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Sinne der Natur war ich redlich und erhaben genug, mich zu freuen: daß sie das Kind von mir haßte und raufte und schlug. Die Natur bleibt in jedem Weibe bewundernswürdig! gerecht! und die Schlimmste kann sich nicht ganz von ihr losmachen und verleugnen, verstellen und lügen so viel wie nöthig wäre . . . . und es ist oft sehr viel nöthig. Aber wie gesagt, dazu sind sehr viele Weiber viel zu edel! Und Charlotte ohne Zweifel! In dieser Naturbewunderung war ich . . . am meisten jedoch wohl durch mein Mädchen, vollkommen glücklich. Ich weiß nur, daß ich einst einem Bekannten auf seine Verwunderung über mein heiteres Gesicht entgegnete: Meine Frau ist mir vor der Hochzeit gestorben — ich habe eine Braut von Korinth, die mir das Gold aussaugt, nicht das Blut. Übrigens haben wir es weiter gebracht, als jenes sonderbare Paar; denn wir haben nicht nur heimlich Hochzeit — sondern auch öffentlich Kindtaufen gemacht. Und meines Kindes goldne Locken waren schon etwas mehr werth als eine braune Locke von mir — die ich aber alle noch heute habe, wie Du siehst, Jaïs! Nur mein Kind habe ich nicht mehr! — — Er hielt inne.
      Armer Freund, wie denn so? frug Jaïs teilnehmend.
      Und der arme Vater sprach nach einiger Zeit: Es war wieder einmal Sturmfluth, schreckliche Überschwemmung in Petersburg. Eine unglückliche Anlage, ein krummer Weg martert Tausende. Ein St. Nikolaiburg oder St. Newskyburg am schwarzen Meere wäre jetzt ein Donnerschlag, politischer und menschlicher.

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Aber zu so einer enharmonischen Rückung hat selber der Kühnste nicht Muth und Geschick. China ist blos dadurch so groß geworden, daß es seinen Kopf nach Umständen: in den Magen, in den Bauch, oder in die Füße versetzt hat; nicht wie der Krebs den Magen in den Kopf. Kurz — wer giebt mir nur mein Kind wieder.
      Da kommt ein Abendsturm, er bläst — wie ein Kind in sein Schlüsselchen — in das Meer; an den Morgenufern schaumt und schwillt und thürmt sich ein hoher Rand wie eine flüssige Mauer, die Mauer wird ein Wall, aber sie ist flüssig, sie bricht in die Buchten, sie bricht in das Flußthal und wehrt den Wellen des Flusses. Woge auf Woge wälzt sich herbei unter Brausen und Heulen, wie zu einem grausen Feste; und Wasser des Meeres und Wasser des Flusses wälzen sich hin in den Ufern, zurück nach den Quellen, zurück in die Bäche, die Brunnen. Sie reißen die Schiffe und Schiffchen oben auf der Fläche zurück in die Stadt; sie wälzen im Grunde die Fische zurück, und sie fahren dahin auf den Plätzen der Menschen in die Straßen, in die Thüren der Häuser, in die Pforten der Kirchen und Paläste, wie in das Eigenthum einst ihrer Nachkommen. Ietzt donnern Kanonen die Menschen wach aus dem Schlafe; von den Thürmen heulen die Glocken die Noth aus, und die Töne fallen, zerrissen vom Sturme, wie brennende Tropfen und schreiende Tropfen, und schwirren dahin in die Nacht, wie lodernde Fledermäuse und angeschossene Eulen.

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      Da springen die Menschen aus ihren Betten, sie hören, sie sehn, sie begreifen; sie reißen die Kinder aus ihren Betten — Mütter waten aus den erbrochenen Thüren die Straße hinauf, sie begegnen andren, sie halten sich an den Händen an und werden zusammen vom Strome umgerissen, ihr letztes Geschrei ist das Grablied, und sie schwimmen ersäuft dahin, und reißen todt noch Andere um, und schwimmen zusammen dahin unter umgeworfenen Wagen und Pferden und Kisten und Trummern und Seilen wie Schlangen. Die tausend Lichter in den tausend Fenstern machen die Schrecken erst sichtbar, entsetzlich! Tausend Stimmen schreien bis von den Dachern herab: Rettet uns! rettet! Kein Mensch schreit über Peter den Großen, der wie der steinerne Gast zu diesem Feste des Flußgottes geladen, von seinem Felsstück und von seinem Pferde, wie vor Scham zu Erz geworden, schweigt. Der Himmel ist hell, die Wolken sind fortgejagt, der Mond geht unter, glühend und schamroth, als spräche er: „Gute Nacht, ihr armen Thoren! Was soll ich das sehn? Ich kann untergehen auf meine Art und ihr auf die eure!“ Auch die Sterne zehn unter. Das Morgenroth überzieht den Himmel, der Tag kommt und die Hoffnung! Die Sonne kommt, und Menschenhülfe erscheint in kleinen Kähnen! Bruderherzen kommen unter groben Kitteln!
     So kommt auch in die Straße, zu den offenen Fenstern meiner Frau ein rettender Kahn, ein kühner Mann mit einem Diener. Von hundert Stimmen angeschrieen, legen sie, blos vom Zufall geführt, bei ihr

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an, denn Jeder gilt ihnen gleich, denn Alle sind Menschen! Lebendige! Alle in Noth!
      Meine Frau giebt dem fremden Manne mein Töchterchen in seinem himmelblauen Kleidchen aus dem Fenster in die Arme. Er setzt es in den Kahn. Er langt nach ihr — da sieht sie, da schlägt vor ihren Augen ein anderes uberladenes Boot um, mit Weibern und Kindern. Sie, sie fordert, sie nimmt nicht das blaue arme Kind zurück — nein, sie verweigert nur solche gefährliche Hülfe; sie steigt nicht zu dem Kinde in den Kahn. Sie giebt es auf.
      Aber da ist kein Zögern! Da schreien Hundert den fremden Mann an. Er rettet den Kahn voll, nach dem Gutdünken eines freien göttlichen Herzens, und führt dahin. Andere fahren mit ihm zugleich um die Ecke— da ertönt ein Schrei! — Welcher Kahn ist umgeschlagen? Meiner? mit meinem mutterlosen Kinde? . . . . Alle die Kähne?
       So komm' ich in die Stadt.
       Ich war nämlich ziemlich lange Monde weit und breit im Lande gereiset nach Volksmelodien, hauptsächlich aber nach russischen Nasen. Denn ich habe meine eignen Gedanken über die Russen, ihre Abkunft und Zukunft. Und wie der Mensch, so die Nase; wie die Nase, so der Mensch. So hatte ich eine schöne Sammlung von Stutz- und Stumpfnasen, breit und kurz, breitflüglig und lang, schmal und kurz, schmal und langwurzlich, alle schön gebogen nach Innen, concave Nasen, wie sie Petrarka selbst an seiner Laura als Nase scavezzo preiset, deren

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Kreuzung jedoch mit kaukasischen Race-Nasen und persischen Vollblut-Nasen sehr glückliche Brut tragen würde. Ich hatte die glücklichsten Funde gemacht, bei Weibern und Männern, von Besitzern der Bauern und den Bauern selbst, und ich war froher über mein papiernes Naturaliencabinet, als von Humboldt über seine Diamanten. Meine Nasen hatte ich selber gefunden und gemacht: gemalt. Sie erscheinen jetzt, als beliebte Pfennignasen, in 20 Heften, das Heft zu 10 Blatt, das Blatt zu 4 Stück; thut 800, blos Muster, jede von vielen Tausenden. Doch das bei Seite!
      Schon von Weitem hörte ich das ad libitum wiederkehrende Unglück der Stadt. Ich wagte mich nicht hinein, in die Straße, wo mein Kind und die dem Kinde so liebe Mutter wohnte — denn die Liebe wagt nie, sie thut blos; sie fürchtet nie, sie leidet nie, sie lebt blos in ihrem heiligen Walten. 
      So komm' ich an das Haus. 
      Ich steige zum Fenster hinein. Ich sehe ein blaues Läppchen am Fensterkreuz hängen — ich reiße es ab und halte es in der Hand, es ist von meinem Töchterchen, der kleinen Sabina. Unser doppelbreites Bett schwimmt in dem Zimmer, darinnen schläft mein Weib mit einem kleinen Knaben Ich suche einen Tisch zu erlangen, und fahre auf ihm zu dem Bett, in das Bett.
      Ich legte mich neben das Knäbchen. Ich rüttelte meine sehr schön daliegende Frau. Sie schlief eisern. Ich frug das Kind: Wem bist Du, mein Söhnchen?

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      — Meiner Mutter! — 
      Wo ist Deine Mutter? 
      — Hier liegt sie! —
      Wer hat Dir das gesagt?
      — Meine Mutter! — 
      Wie heißest Du denn? 
      — Ihren kleinen, lieben Rembrand heißt sie mich immer. —
      So?!
      — Ja! So! antwortete der kleine Knabe und zog mir ein Gesicht.
      Ich dachte, vielleicht ist es ein Knäbchen aus der Nachbarschaft, das in der Gefahr und Verwirrung hierher zu ihr verschlagen worden, und frug es: Wie lange bist Du schon hier? Du Rembrand!
      — Seit den Ostereiern! —
      Also drei Monat schon, wußte ich nun. War es das Kind meiner Frau? Aber was kümmerte mich das jetzt! denn ich sahe mein Mädchen nicht, und frug das Knäbchen: Sage mir doch, mein kleiner lieber Rem» brand, wo ist denn Sabina? 
      — Zum Fenster hinaus! — 
      Wohin denn? 
      — In den Kahn! — 
      Mit wem denn? 
      — Mit dem fremden Manne! 
      Wie hieß er denn? 
      — Das hat er nicht gesagt!
      Hat es denn Deine liebe Mutter nicht gefragt?

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       Nein! sprach meine Frau, und setzte sich hochglühend auf.
      Also das Kind ist fort? frug ich sie angreifend. Ja! sprach sie. 
      Und Du nicht?
      Wie Du siehst!
      Wo ist es denn wohl?
      Wohl ertrunken.
      Ich drückte mir das blaue Stück Zeuch von ihrem Kleid in die Augen.
      Ich habe ihr kurz vorher erst die Haare verschnitten, sprach sie, sie waren auf die Erde gefallen, dort schwimmen sie jetzt — die kannst Du auch noch von ihr sammeln und aufheben, guter Landgraf! Aber wie kommst Du so schnell zurück? daß ich frage! Dein letzter Brief von den Kalmücken oder Tartaren . . . . . . 
      Still! rief ich mit Donnerstimme; um lebens- und sterbenswillen, still!
      — Wer ist denn der garstige Mann? frug das Knäbchen.
      Das sollt Ihr Beide bald erfahren! war das letzte Wort, was ich sagen konnte. Dann vergrub ich meinen Kopf in die Kissen.
      — Ich will Caviar haben! hörte ich noch von, dem kleinen lieben Rembrand. Dann machte ich das Haus meiner Seele noch fester zu.
      Indessen ich nun geschlafen, haben die Popen auf den Thürmen um andern als den verderblichen Wind gebeten; aber vergeblich. 

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        Ein Geist, oder wenige Geister müssen doch keinen Einfluß auf die Natur haben. Die Sturmfluth ist noch gewachsen zu Nacht. Am finstern Morgen hatte mich aber ein Krachen erweckt, über welchem ich aufgeschreckt noch zitterte, ohne zu wissen wovon. Aber ich sahe, und sahe den Mond uns in das Bett scheinen — der Giebel war offen — das Eckhaus neben dem unsern war eingestürzt, und ein Balken aus unserer Decke wies auf mich oder meine Frau herab, wie der Finger des Engels in Raphaels Schlacht des Marentius.
      In der Furcht ist ein Weib wie Wachs. Und wie sie meinte: vor ihrem Tode, fiel mir mein Weib um den Hals und gestand mir, daß sie früher als mich hier einen Geliebten gehabt, und ... mit dem Geliebten einen Sohn, den Knaben zwischen uns, welchen wiederzusehen sie mich hierher beredet.
      Ich sagte ihr nichts, als: wir sind geschiedene Leute!
      Behalte nur den Sohn auf Deinen Namen, wenn ich sterbe, und Ihr kommt Beide, so Gott will, mit dem Leben davon.
      In dieser angenehmen Hoffnung gab ich ihr endlich die Hand darauf.
      Das Unglück ward aber doppelt. Zu der Wassersgefahr kam noch eine Feuersbrunst, die Niemand vor Wasser löschen konnte, und das Wasser selbst thut keine menschlichen Dinge.

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Die Häuser brannten uns gegenüber; das Haus neben uns brannte, die Hunde heulten von den Böden, die Katzen sprangen in das Wasser.
      In dieser letzten Angst fiel mir meine Geschiedene noch einmal um den Hals, weinte und sprach: Landgraf, edler Landgraf! mein Geliebter lebt noch! Ach, ach, und er lebt noch einmal in mir und ist wohl drei Monat alt oder jung, oder wie man da sagen soll —
      Den sollte ja der . . . . ! rief ich empört.
      Sei gut! Wir sind ja geschieden! sprach sie mit Recht. Ist es eine Tochter, so nehme ich die und Du nimmst bei der Scheidung den Sohn, und gehst als mein Bruder zu meinem vornehmen Freund und erwirkst mir und dem Mädchen ein reichliches Jahrgeld, und eine tüchtige Ausstattung und Aussteuer. Der Sohn wird Dir nicht beschwerlich seyn. — Du bist reich und sammelst feurige Kohlen auf mein Haupt. Gott schenke Dir nur das Leben! 
      Dann lebst Du auch! sprach ich etwas bitter. Mein Herz schloß sich zu wie eine Muschel vor aller der Angst die mich anfechten sollte. Ich lachte ein paarmal ganz besonders uber meine ganz vortreffliche Vestalin! die unvergleichliche Jüdin Rebekka! die hochkeusche Iphigenie die sie alle unübertrefflich sang — aber leider nicht lebte. Ich gelobte sogar den Gang zu ihrem Freunde, und wenn auch mit Gellerts Bettlerwaffe, mit Degen oder Pistolen. Sie hatte geliebt, sie liebte noch, und barbarisch! Nur mich nicht! Ich hatte mich betrogen, mich täuschen und trügen lassen. Das bringt allemal Strafe, wenn es nicht welche verdient! —

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Kurz, ich stehe ja vor Dir, Jaïs; wir wurden gerettet, und alles geschahe ihr so, wie sie gesagt hatte. Rembrand gilt für meinen Sohn, sage ich Dir, daß Du nicht glaubst: ein solcher Flegel könne es seyn! Ihre Hortensie gilt für meine Tochter, wie ein Zahlpfennig für ein Goldstück. 
      Und Deine Tochter ....? frug Jaïs. 
      Für die Lebendigen kann es einmal nichts gräßlicher seyn, als ein Kind zu verlieren, lebendig zu verlieren! Die Nachtigall klagt darum und fliegt dem Knaben um den Kopf und die Hand, der es ihr stahl; der Löwe durchbrüllt den Wald. Aber der Tiger selbst heult nicht also darum, wenn es gestorben ist. Denn da zwingt die Natur mit ihrem wun« derbaren verborgenen Walten das Herz zu Ehrfurcht und das Auge zu Maß im Weinen. Ist Dein Kind gestorben, so weißt Du es wenigstens wieder in der schaffenden Hand, in der liebenden Macht, die es Dir hervor gelassen aus ihren Schätzen; Du weißt es wieder in jenem sichern, seligen, wenn auch verhüllten Reich. Aber ein verlorenes Kind läßt die Seele nicht ruhen. Es ist noch, aber es ist nicht Dir, es ist allen Menschen, allen Schicksalen, allen Todesarten preis gegeben, Du kannst sie Dir denken, uns Deine Phantasie ist unerschöpflich in neuen Martern; und wenn nicht alle zugleich, so kann doch Jede wahr seyn! Du hast es nicht leiden gesehn, nicht getröstet mit Liebe! nicht getäuscht mit Hoffnung! Du hast ihm nicht die Augen zugedrückt, Du hast es nicht begraben —

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Du weißt sein Grab nicht; Du kannst nicht hingehen, wenn es im Frühling grünt, oder wenn die Blätter im Herbst darauf fallen — wenn der erste Schnee darauffällt, dieser wunderbare leise Tod, diese betretendste, reine, himmlische Erscheinung! Und wenn das Kind nun lebt! — jn wessen Händen? wie erniedrigt, wie weinend nach Dir — bis seine junge Seele Dich vergißt, und seine Augen Dein Bild vergessen. Und war meine Tochter nicht zur Hälfte auch meines Weibes Tochter? Und was hatte sie von ihr zur Mitgift — den Leib? oder die Seele? O ich zitterte mehr für ihr inneres Glück, als noch für ihr bloßes Leben, ihr Daseyn. Das innere Daseyn des Schönen und Guten im Menschen — das ist ja blos Daseyn, Daseyn in der göttlichen Welt, mit göttlichem Sinn, Verständniß und Willen. O ein verlornes Kind ist leicht ein Verlorenes; denn wie viele besorgte Väter verlieren ihr Kind unter den schützenden Händen, unter den liebendwachenden Augen . . . und es ist hin und lebt doch noch. 
      Jetzt erst traten dem Vater die Thränen in die Augen.
      Kann sie nicht nach Dir geartet seyn? sprach der Freund.
      Du meinst also: sie lebt! sprach Landgraf mit funkelnden Augen.
      Kann sie nicht ein guter Mann, wie ein Geschenk vom Himmel bewahren?
      Bewahren! also mir! noch mir! sprach Landgraf zu sich.

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      Vielleicht sogar ist sie nahe und groß und schön!
      Bringst Du sie mir vielleicht? frug Landgraf in schwebendem Entzücken, und umschloß den Freund wie ein Gefäß mit einem Schatze. So blieb er lange. So ließ ihn Iai's lange. Dann sprach er zu ihm: Ich wollte, ich könnte sie bringen — ich hätte sie Dir gerettet, erhalten! Aber ich bringe Eurer Abendfreiheit nur einen goldenen Schatz, ein großes Vermächtnis; eines Kindes Eurer Stadt, eines großgewordenen Mannes, der auch unglücklich gestorben. Hier ist die Abschrift seines Testaments. Ihr seid reiche Leute, so lange bei Euch ein Stein auf dem andern steht. Ihr sollt alle Jahre 50,000 Thaler zu Eurer Freude verwenden! Zu nichts als zu Freude, ehe zu Wein als zu Trinkwasser, ehe zu Torte als zu Brot. Ihr sollt! Und „die Abendfreiheit“ stellt die Freude an. 
      Ach, was sollten wir nicht! Was könnten wir! sprach Landgraf. Der schöne Mann in seiner blühenden Kraft stand in sich versunken, und den beiden Freunden blieb Unaussprechliches und noch Unausgesprochenes in der Kehle stecken, wie Todten und Lebendigen, Einzelnen und Völkern ihr Loos und ihr Leid, ihr Bedauern und ihre Wünsche in der Kehle stecken bleiben, durch rasch eintretendes Neues. Hier aber war die Unterbrechung — die rasch eintretende Landgräfin, die schöne Jsaline an der Hand.

 
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