Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel IV.
Nichts ohne die Frauen

 
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Durch Wen in seinen schönsten Jahren
Der Mann des Liebens Glück erfahren,
Von Welcher er es nur gehofft,            
Der bleibt er dankbar immer neu,         
Wie seiner alten Seele treu.                  

      „Frau Landgraf!“sprach er zu Jaïs — und „mein Jugendfreund, Buchhalter Jaïs,“ zu seiner Geschiedenen, die ihn sehr gnädig mit dem Pfauenwedel begrüßte, und dann zu Isalinen sagte: Nun, sprechen Sie doch, mein Kind!   
      Isaline aber wußte nicht, ob sie ihrem redlichen Freund Landgraf mit ihrem Auftrage auch willkommen seyn werde, sah ihm nur lieb in die Augen, faßte ihn an einer Hand — und schwieg.
      Nun, was will denn das liebe Kind? fragte er. — Ach, so groß würde sie nun sein — lieber Jaïs; flüsterte er diesem zu, und meinte seine Tochter.
      — Das liebe Kind, wiederholte Frau Landgraf, will — mit dem ersten Buchstaben: ein Musikfest!
      Ja, Väterchen! lispelte Isaline.
      Und Er soll es dirigiren und digeriren, Landgraf! sprach seine Geschiedene . . . sperr' Er sich nicht lange! man kennt Ihn ja! Wie Er in die Musik verfallen ist — — —

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. . . . so wie Du den Contrabaß nicht mehr spielst — sprach Landgraf zu Jaïs.
      — — — wenn es möglich wäre, so bliebe Er ewig, alle Tage und Nächte bis in alle Ewigkeit, ohne Speise und Trank am Clavier sitzen phantasiren! und setzt« alle Sterne in Musik, früh jeden Sonnenaufgang, je, den Frühlingsmorgen, jeden Herbstabend, jede Mond, scheinnacht, und in allen Tagen aller Menschen Leben, jedes Kind das begraben wird, setzte Er in Musik, jeden Kochzeitzug, jedes Schwalbenfliehen, jedes Nachtigallkommen, selber den Kukuk, wenn der sich nicht selbst in Musik setzte, wie alle Lerchen und Singevögel! . . . 
      So muß ein Tonsetzer seyn! sprach Jaïs; er muß nur leben wollen, um die Welt zu Tönen zu machen in seiner Brust. 
      Und nie schreibt er eine Note auf! Er läßt alle Ströme verrinnen, wie ein fauler Müller, und wenn er stirbt, werden ganze unsichtbare Repositorien voll Arien, Motetten, Oratorien, und Requiem's mit ihm begraben. Sehe Er, Landgraf, wie ich Ihn gelobt und vor Zeugen! Schlag Er ein! Er giebt sich her zum Musikfest! 
      Ich dächte, Väterchen! bat Isaline. Ich soll auch dabei singen!
      Du? . . . .  Sie? frug Landgraf ganz verworren.
      Fort mit ihm vor die Behörde! rief Frau Landgraf und faßte ihn unter dem Arm.

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      Der Assessor Freudenreich kam und verkündigte seinem Freunde, er sei Vorsitzer, ja Dictator der Abendfreiheit geworden.
      Frau Landrichterin kam und bat ihn, sich doch ja nicht von Frau Landgraf abreden zu lassen, sondern aller Damen Wünschen zu entsprechen und . . .
      O, er will, er wird! versicherte Frau Landgraf mit überlisteter List. Auch andere schöne Jungfrauen und schöne Frauen des Singvereines der Stadt hatten ihre Masken abgenommen, und kamen mit leuchtenden Augen und rosigen Wangen und Lippen ihn bitten, und führten den Schweigenden wie einen Gefangenen in das Zimmer der Vorsteher, und auf den Stuhl des Vorstehers.
      Nachdem sich der Lärm gelagert hatte und sein Wort zu vernehmen war, stand er auf und sprach: Sie wünschen ein Musikfest für diese Gegend — ich gebe mich zu keiner Nachahmung her! Also das will ich nicht! Aber wollen Sie, so will ich endlich ein großes deut» sches Musikfest anordnen, leiten und hoffentlich ruhmvoll für Alle zu Ende führen.
      Der Gedanke schlug ein. Er zündete. Im Flug übersahen die erregten Gemüther die Herrlichkeit eines solchen Festes.
      Columbus Ei steht! rief der Assessor.
      Das macht unserer Stadt Ehre! rief der Bürgermeister Lebemann.
      Das macht Deutschland Ehre! rief der Cantor Petershahn.

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Freude macht's! Freude! Ihr Damen und Herren! sprach der Platzmajor Hinterweiner.
      Der Kaufmann Schönknecht drängte sich an den Tisch und sprach: Ich verspreche hier öffentlich — 5000 Mann zu speisen, Sänger und Musikanten, so gut wie Naturforscher! Das ist genug gesagt.
      Speisen nur? Doch auch tränken, hoff ich; verlangte der Apotheker Neßlein.
      Einen ganzen Tag halt' ich sie aus! Das halte ich aus! versicherte Schönknecht. Der Wein soll lauter Etiquettenwein seyn!
      Der Cantor Petershahn strich sich die Kehle und fuhr mit der linken Hand über den Bauch hinunter, hielt aber schon mit der rechten ein gefülltes Glas und rief: Auf Deutschlands Ehre!
      Das Wort brachte eine feierliche Stille hervor, die nach gefüllten Gläsern in Jubel ausbrach.
      . . . und auf Die, rief der Assessor, die deutsche Ehre im Leibe haben!
      Das ward mit Freude getrunken.
      . . . und auf Die, rief der Assessor, die Deutschlands Ehre sind, jetzt sind! Denn das Vaterland besteht nur aus lebendigen Menschen, aber nicht aus allen; also nicht auf das Wohl der Kirchtürme, Kirchen, Theater, Brücken, Chausseen, Eisenbahnen, Weinstöcke, Ziegenböcke und Schafe, Rinder nnd Esel, Weinberge, Weinflaschen, Branntweinbrennereien und Alles was unser ist; sondern auf Die, die Deutschlands Ehre sind!

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Die es fortpflanzen aus ihres Herzens Blut, und es einst seyn werden! Halleluja! 
      Man hatte es nicht blitzen gesehen, obgleich ein kaltes Gewitter vorüberzog, und als man nun auch auf „Deutschlands Freude!“ trank, da war es, als wurden tausend Kanonen gelöst; der Himmel hallte, die Erde bebte, und die Fenster zitterten von dem einstimmenden Donner. 
      Kinder! sprach Landgraf; hört nur, wo wir leben! Wir leben doch in einer herrlichen Welt, und aus uns kann noch Alles werden! Also ein großes deutsches Musikfest zuerst

Was Einer kann, das soll er thun!
Wie sollten Tausend Künstler ruhn?

       Und wir haben und sind Tausendkünstler!
      Schon früher waren mehre Frauen in den Saal geeilt, und hatten das neue Vorhaben verkündigt; es hatte sich bernsteinartig schnell umher verbreitet, und wie verabredet erfolgte eine allgemeine Demaskirung, und alle Tanzfreude ging in Musikfreude auf, vor der, wie vor einem Reiche der Wahrheit und Natur, nur die Nachtgespenster sich eilig auf die Socken machten.
      In der Zwischenzeit hatten, so gut wie im Saale, einige Bedächtliche denn doch gefragt, woher — Herrn Landgrafs Wort und Versprechen in Ehren — doch die großen Kosten zum großen Fest herkommen sollten? da die Catalani sogar ihre todte Kehle noch für 12,000 Thaler verkauft

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habe, und kaum Etwas theurer an lebendigen Sängerinnen und Sängern wäre, als eben die Kehle, als ihnen auf kurzen Wucher geliehenes Instrument, das gegen eine Vox humana in der Orgel zwar keine Eintagsfliege, aber doch nur eine Fünf-, Sechs-, höchstens Zehnjahr-Brumme oder Nachtigall sei! 
      Dieser gerechte Zweifel ward so eben Allen im Zimmer der Vorsteher und der leise Hinzugetretenen benommen. Denn sie hörten den Assessor Freudenreich, der in seinen Worten also fortfuhr: 
          — — Wir haben uns nur zu bedanken, und auch das nicht einmal, denn der Herr Testator ist todt. Und so haben wir unsern Dank nur an einen Mann zu knüpfen, den alle Kinder sogar haben reiten gese» hen, ein Tigerfell statt Satteldecke, und einen Mohren statt Bedienten hinter ihm. Ia, auf diesem Stuhle hier hat er gesessen und sich über unsere Abendfreiheit gefreut. Ein steinernes Sklavenpfeifchen hing an goldener Kette ihm um die Schulter, und der Neuheit der Sache wegen hat er es auch uns gepfiffen, und stellte sich verwundert, daß wir von dem gellenden Schrei nicht auch zur Erde fielen! Aber ich hatte die Ehre ihm zu sagen: „Wir fallen nicht!“   Wer hätte alles das Andere von dem edlen lieben Manne gedacht! Lieber Himmel, wir kennen so viele Menschen, aber sie bleiben meist unwichtig, wir wissen von Großen und Kleinen so viel — aber es wird nichts daraus, es ist mchts gewesen und war rein Nichts, als manchmal ein Mordspektakel. Dieser stille Mann aber — wie ich

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auch damals schon wußte — war der Sohn eines Schulmeisters aus dem Dorfe B . . . . . . . hart an unserer Stadt, das der musikliebenden Familie der Grafen von K . . . . . . . gehört. Der Graf braucht — vor Jahren in aller Stille — den Vater Schulmeister als Calculator, er nimmt den jungen T . . . . . . in sein Schloß und läßt ihn mit seinen Kindern unterrichten, unter welchen auch die schöne Comtesse Stella ist. Die Neigung, die Jugend hat den Vorzug, sich in einer Welt zu befinden, in welcher ihr Alles gehört, und gehören kann, jetzt und einst. Das Schöne ist ihr nur schön ohne Weiteres; und ein schöner Knabe ist ein schöner Knabe überall, und ein liebendes Mädchen ein liebendes Mädchen; die Schönheit ist kein menschlicher bevorzugter Stand, sondern sie giebt einen göttlichen Rang. — „Ich bin vom Himmel!“ kann jeder schöne Jüngling, jede schöne Jungfrau sagen — wenn sie es dächte. Die Glücklichen sind blos. Die Liebenden sind blos; und alles Andere ist Traum in der seligen Seele. — Die andern Diener haben aber den Bevorzugten verläumdet durch die Wahrheit, und den tüchtigen Knaben, nachdem er Tüchtiges gelernt, aus dem Schlosse geklatscht. Denn Klatschen thut mehr, als Kartätschen, wie bekannt; oder nicht? so freut sich Freudenreich. Unsere jungen Leutchen nehmen also sogenannten zärtlichen Abschied — wer sollte den nicht kennen? — und die künftige Braut gelobt, so lange zu warten — ich bitte sich daran ein Beispiel zu nehmen — bis sie der künftige Bräutigam wird würdig heimführen können.

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Der Mond, der doch Manches gehört, auch von uns, theure Anwesende, soll in jener Nacht bittere Thränen geweint haben, welche die Herren Spazierläufer aus unserer Stadt an jenem Morgen für bloßen Thau gehalten haben. Unser junge Freund aber wird au einen Vetter empfohlen, der empfiehlt ihn an eine Muhme in Berlin, und diese giebt die Mittel, daß er lernen kann, pure oder reine Mathematik. Damit wandert er nach Holland, lernt Schiffe bauen, baut Eins, musterhaft, bekommt Lust es zu besteigen, wird Schiffsmann, in der Nothwehr gegen die Feinde: Soldat, entscheidet nach Iahren ein Seegefecht dadurch, daß er Ehre und Liebe im Leibe hat: sich nicht gefangen zu geben — wird Schiffsstatthalter — oder Lieutenant — denn alle unsere Herren Lieutenants sind eigentlich Statthalter, und heißen nur nicht so, und so! . . . . wird ein Hauptmann, immer mit Ehre und Liebe im Leibe, bis er, kurz gesagt, Gouverneur wird, und Gold zusammenwirft, wie wir andern — Charten. Jetzt will er kommen aus seiner holländischen Colonie. Jetzt schreibt er. Ich sehe ihn die Beutel und Kästchen voll holländische Ducaten füllen und sich freuen an der Überschrift: Concodia res parvae crescunt oder zu Deutsch: durch die Ehe bekommt man ein Haus voll Kinder! Alles bekommt man wieder: begrabenen Vater, begrabene Mutter, ja alle Muhmen und Vettern, alles als kleine Personen! gar lieblich und sauber, die einen Spektakel im Hause machen, daß man gewiß nicht mehr glaubt allein zu seyn, wie den armen Junggesellen einkommt,

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die noch nicht geheirathet haben und glauben: die Erde ist eine Einsiedelei, wenn man 25 bis 30 Jahre alt geworden. Da schneiden sie sich aber schön, wirklich schön, so schön die lieben kleinen Personen sind, die auf sie warten, und wie bei dem Puppenspieler hinter den Coulissen an Dräthen hängen und nicht mucken. Das hab' ich belauscht, und hoffe, meine Damen, als heirathbarer junger lieber Mann auch noch für mich, was ich sehe, daß es allen Andern so glücklich geht. Ach, nicht Allen. Denn hören Sie nur — der Mond hat mit Recht geweint — unser Freund kommt, strotzend voll Gold, er will die paar Pfennige Schulden seines gräflichen Schwiegervaters bezahlen, und dadurch so gut wie mancher andere Graf erscheinen, der das nicht thut; er reitet gelassen nach dem Lustwald, die Hornesse genannt . . . er sieht Licht im Schloß, er giebt sein Roß an den Javaner — — er steigt die Treppe hinan — und — seine Stella — Stella liegt todt im Sarge! —
      Wir haben das nun so gewußt, auch daß die schöne junge Gräfin gestorben ist, wie das Volk alles weiß, und müssen gestehen, daß die Welt eigentlich Nichts weiß, weil sie nichts recht weiß, nämlich nicht weiß, was Jedes an seinem Ort Jedem oder Einem bedeutet! Schweigen wir! und ehren des Hingeknieten Schmerz und sein Gebet! Er ist Mit ihr zu Grabe gegangen — weniger können sogar die Beine nicht thun. Was sein Herz gethan, das heißt gelitten, denn Leiden ist auch ein Thun, und das Edelste, bitt' ich zu bemerken —

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ehren wir es und schweigen. Der Mond hat die Nacht wiederum, nicht — geweint, sondern ihm gelächelt, versteht sich, aus dem Himmel, wo sogar alle leiblichen Regentropfen zusammen kommen, geschweige alles, was nicht so leicht verdunstet; die Liebe, das Leben.
      Nach dieser Zeit hat er nun bei uns gesessen, so gar sanft, geduldig, mild. Niemand, auch ich Barbar nicht, hat ihm ein gutes Wort gesagt, denn wir edlen Menschen wußten nicht: wie arm — und wie reich er war! Ich verspreche, den Mond diese Nacht deswegen um Verzeihung zu bitten. Denn seit der Komet nichts effectuirt hat, und das Weltgericht doch fern scheint, wenn es nicht auch zum Schiedsamt wird, wie unsere irdischen Gerichte nach und nach gewiß, und ich also sehr überflüßig bin, wie ich mir selber schon scheine — so thut der Mensch wohl, sich Surrogate, Stärken» und Runkelrübenzucker statt des fabelhaften Manna in seinen schwarzen, satzigen Caffee zu thun. Etwas müs» sen wir Nachmittags haben, auch über Tage!
      Wie wir nun durch diesen Herrn (der Assessor wies dabei auf Herrn Jaïs) erfahren, ist der Herr Gouverneur kurz nach seiner Schwester, die er mit sich genommen, gestorben, weil ihm die Schwester gestorben ist, die wiederum nicht geglaubt hat leben zu können, weil ihr Bruder nach und nach, aus innerer spirituöser Verbrennung dem Tode verfallen ist. Denn hoffentlich ist auch die Liebe ein Spiritus, über 80 Grad stark, den Niemand im Übermaß trinken darf, da wir Menschen, als in einem wunderbaren Keller damit gefüllte

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Flaschen, wahre Leydener Flaschen, auf die Erde kommen. Ohne Erben hat er sich also liebevoll unserer erinnert und unsrer Abendfreiheit ein Capital ausgesetzt, — kein verlornes Kind, bemerke ich — daß unsere Stadt zu einer Capitalstadt — einer Hauptstadt der Freude macht. Hören wir ihn nun selbst, wie er in seinem: „Das ist mein letzter Wille!“ spricht. Er sagt also:
      . . . . Aber — unterbrach sich der Assessor selbst, mir wird zu freudenreich zu Muth, wenn ich an mein Testamentmachen gedenke, und an die Freude, die ich damit machen werde! — Er hatte aber den Schalk im Herzen, wollte dem mit Jaïs zugleich gekommenen sehr geizigen Herrn Banquier und Ritter Moses Nimrod & Comp, eine Strafrede auf sich und seine Compagnie halten lassen, gab ihm das Papier und sprach: Lesen Sie, verehrtester Herr Moses Nimrod, da Sie die baare Million in Gold bekommen, zur Anleihe brauchen, und uns die 50,000 Thaler Interessen gegen Interessen vorausbezahlen wollen. Sie werden den schönsten Lohn dafür haben; denn jeder Hörer wird glauben, die Rede kommt aus Ihrem allgemein verkannten Herzen!
      Der sehr schöne Jude nahm das Papier, und gewiß, von den schönen Christenfrauen indeß nicht ungünstig betrachtet zu werden, sprach er: ich lese! und nach einem Weilchen: Nun lese ich
      Nun lesen Sie, Verehrtester! Aber hören Sie selbst auch gefälligst sich zu!

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       Ich lese! wiederholte Nimrod, und las: „Meine Mutter sagte immer: Kuchen erspart Brot! Freude erspart Noth! wenn mein armer Vater zu den Feiertagen kein Geld zu Kuchen geben wollte, und zuletzt doch gab mit dem Wort: Es ist ein Elend, wo keine Freude ist. — Und als ich wieder nach Deutschland kam, fiel mir sein Wort auf das Herz: Es ist ein Elend, wo keine Freude ist! O was fand ich nicht alles seit zwanzig Jahren verbannt aus der Wirklichkeit, oder schon fort in Gedanken! Was fand ich nicht schon da! so daß jeder Asiate dafur auf seine Kniee fiele. Aber was fand ich nicht: Freude! nicht Freude! Keine. Ich habe auch für mich keine gefunden, und wollte doch Freude machen! Das klingt in mir nach. Das Herz des Menschen, der so heißen darf, gleicht der treuen Erde. Drücke, pflanze Dornen hinein so viel Du willst, sie blüht Dir Rosen dafür auf. Der Mensch gleicht einem wunderbaren Kruge — fülle ihn mit Essig — er verwandelt ihn zu Wein. Da ist das Elend, wo nicht Freude ist — vielleicht ist da auch kein Elend, wo Freude ist. So dacht' ich. Unser Herr Pfarrer war etwas sehr gefräßig, hatte eine Haushälterin, die hatte Kinder, die kamen dann manchmal gelaufen, schlugen vor Freude in die Hände und riefen: Heut ißt unser Herr Pater oder Vater einen Karpfen, und wir, wir essen Kartoffeln! Hui! So freuten sie sich. Er machte ihnen auch Freude, aber welcher Andere kann so viel Liebe verlangen? Hier wirkte die Genügsamkeit! das Gönnen! Aber auch, wenn ich Sonntags

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nach Mittag zu ihnen kam, und sie Caffee getrunken hatten, küßte der ältere Bruder sein Schwesterchen, schlug wieder in die Hände und rief: Über acht Tage trinken wir wieder Caffee! — Hier wirkte die Hoffnung die Freude. Denn wegen der Scheibe Honig am grünen Donnerstag ließ ich mich den ganzen Sommer über von unseren Bienen stechen — ich wußte schon warum! Was aber die Jugend so froh macht? — Das sichere Zutrauen zu der großen herrlichen Welt, Vertrauen auf sich selbst, Glauben an sich selbst, und Vertiefung mit ganzer Seele in ihr Geschäft. Das sind die Schlüssel zur Freude, Genügsamkeit, Gönnen, Hoffnung, sicheres Zutrauen zur Welt, Vertrauen, Glauben an sich selbst, Vertiefung in ihr Geschäft, o könnt' ich's den groß.n Kindern geben! Ich kann nicht. Versuch' ich es mit der Freude bei Wenigen meiner Heimath! Hat doch selbst ein Professor*) seine „Nationalökonomie“ geschlossen mit dem Capitel: „Pflege des edleren Lebensgenusses,“ weil ohne Freude keine Lust zur Arbeit, keine Geduld ist, ja keine Kraft, kein Muth. So klug ist die kalte Welt geworden; so klug macht sie ein schönes Gemüth. Sie werden also die Gelegenheiten zur Freude aus den alten Volksgebräuchen klug wieder hervorsuchen, und wäre es nur, daß die armen Schuhmacher mit dem gläsernen Stiefel zampern,
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*)Professor Dr. Schön, Breslau
 

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der ihr ganzes Leben in Anspruch nimmt, oder die Fleischer mit der unendlichen Wurst.
      Ich erlaube mir also zu verbieten, daß von dem mein gewesenen Gelde ein Armer auch nur einen Bissen trockenes Brot erhält! — Höchstens mit Honig dick bestrichen! Keinen Trunk Wasser — höchstens auf einen guten Trunk des besten Weines! Ich verbiete Rumford'sche Knochen — und erlaube wenigstens einen ganzen Kälberbraten. Ich verbiete, hier als Privatgouverneur, daß ein armes Kind Schuhe oder Kleider, selbst nicht im Winter erhalten soll; lieber im Sommer an Viele: Bälle zum Spielen, Drachen, Armbrüste, Vögel, Scheiben, Bilderbücher; durchaus kein Schul- oder A. B. C- Buch; dann Schlittschuhe, Brummeisen, kleine Geigen, Blasharmonika's, Reiter, kurz Alles, was Freude macht. Ich verbiete, daß die ärmste Frau sogar einen Unterrock oder ein Kopftuch erhalten soll, sondern ein schönes Sonntagskleid und eine Haube Mit Bändern; selbst Ohrringe an Jungfrauen und eine goldene Halskette. Ich verbiete, daß etwan ein armer Schulmeister — denn mein Vater ist auch nicht erfroren — für seine kalte Stube einen Schragen Holz bekommt; lieber ein Clavier, Musikalien, eine Handbibliothek, Bienenstöcke ein Schock, Obstbäume, Muscatellerbirn; nicht ein Glas zum Trinken, sondern eine Glasharmonika.
      Um aber zu wissen, wo und wodurch Sie einem Menschen Freude machen können, sollen Sie — ich bitte — fröhliche Männer und Weiber anstellen mit Gehalt,

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welche Ort und Art und Gelegenheit Ihnen in den Häusern gutmüthig und verständig auskundschaften (eine neue Art von Spionen) und es Ihnen berichten, zu welchen wohlbezahlten schönen Ämtern ich solche Doctoren vorschlage, die nicht verschmähen, auch in Häuser der Armen zu gehen. Dann Hebammen, diese klugen Weiber (sages hommes) in der Welt — dann Nachtwächter, die oft der Leute Jammer und Zank um eine fehlende Kleinigkeit des Nachts anhören, dann auch müssige Frauen, die alle Nachmittage nach einem Turnus in die Häuser gehen, und undankbar für ihre Wahrheiten unter dem Namen „Caffeeklatschen“ oder „Stadtklatschen“ bekannt sind, und leicht wie Landschafe veredelt werden können. Macht sie zuerst froh! Um Himmelswillen aber stellt Niemand an, der mit einer Armendirection, oder dem Armenwesen etwas zu schaffen hat — oder den bloßen Brot-, Holz- und Rock-Menschen — die es blos mit dem Leibe zu schaffen haben, und wirklich sehr löblich sorgen, daß die Elenden nicht verhungern, um lange elend zu seyn. So ist es, meine und meines Geldes großgünstigen Herren. Sie sollen gerade Alles das thun, was jene ehrwürdigen Collegien nicht thunz oder da anfangen, wo sie glauben aufhören zu müssen, oder wirklich müssen, so sehr nun erst Manchem das Herz brennt, der es besser weiß. Ein Froher kann länger hungern! Wer auf eine Kirchmeß geht, wird nicht müde. Wer Sonntags gelacht hat und Sonntags wieder lachen wird, der weint die Woche eben nicht so ernst und bitterlich.

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Gönnt — schafft doch den Menschen Freude! Thut wie Engel — aus teuflischer Klugheit wenigstens. Ich meine jedoch nicht blos grobe, derbe, handgreifliche Gaben, ob ich gleich diese auch ausdrücklich meine, sondern auch solche, und diese am liebsten, die auch noch einen Sinn, eine Bedeutung haben, die also wahre Symbole sind und symbolischen Werth haben — als ein Feld, ein Häuschen für eine Braut, die sonst ihren Liebsten nicht bekommen könnte — Ausrichtung eines Hochzeitfestes — eines Kindtaufenschmauses — Christbescheerungen — und dergleichen, was die Doctoren, Hebammen, Nachtwächter und Stadtklatscher für wohlgethan halten. Aber, aber, Alles sei eingeleitet mit derjenigen bescheidenen Ehrfurcht und der Verehrung ausgeführt, die ein Mensch einem armen freudelosen Menschen schuldig ist, wenn es ihn auch nur tröstet, und ihm einfällt: er sei ein Mensch! es gebe Menschen! Das ist viel gethan. Einer alten Mutter den Sohn vom Volke losmachen — einem Bruder Reisegeld geben, um einmal seinen fernwohnenden Bruder zu sehen — und was sonst ist, das das Leben zum Feste macht. 
      Ich dächte, vor Allem verbreiten Sie Musik! Bloße Töne schon bezeugen: wir leben in einer gar tiefen Welt. Melodien reißen uns hinein. Wir sind an einem guten Orte, wo Musik ertönt. Sie lehrt uns das Leben verstehen, Schmerzen verstehen und Freuden; denn sie erweitert, sie weihet nns Seele und Herz. Sie giebt Gelassenheit, Muth, Trost, Getrostheit, Glauben, Stille, Freude, Entzücken.

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Ich sage nicht mehr, ich bin nicht gestorben — durch sie! ich athme noch selig durch sie! Seid auch barmherzig, und gebt den Herzen Musik. Da ist Beethovens Neunte Symphonie mit dem Chor:

„Freude, schöner Götterfunken!“

      Die gebt meiner Stella zum Angedenken, denn wir sehen die Freude, und gönnt sie mir:

Durch den Riß gesprengter Särge
In dem Chor der Engel stehn!






 
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