Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel V.
Wortkrieg ist Sachkrieg

 
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O wüßten Alle, was das Gute sei,                               
Das Rechte, das, das wäre gleich gethan!                  
Und was jetzt stark scheint, wäre Staub und Wahn!

      Kinder! sagte Landgraf einige Tage später zu den verordneten Musik-Betrauten (welches deutsche Wort ihnen besser gefiel, als Commitée), vor offener Lade; Kinder! so nenn' ich Euch heut; denn Kinder sind wir immer wieder bei allen heitern, ernsten und großen Angelegenheiten des Lebens, ja der König in Nöthen, der Feldherr im Kriege nennt die großen Bärmüßen:

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„Kinder,“ sogar: seine Kinder, die er soeben gegen eine Batterie von hundert Kanonen führen will; sie sollen denken, sie sind Kinder gewesen, also schon ein» mal nicht da; und sind Kinder: wenn sie sich fürchten, einmal — das heißt jetzt gleich — wieder nicht da zu seyn. Wir sind noch Kinder, wenn wir ausführen, was wir als Kleine gewünscht, und zeitlebens gestrebt. Und in der That, auf dem Stuhle haben wir Alle noch nicht gesessen, auf dem Stuhle, von welchem aus wir dem deutschen Volke Freude machen sollen, können und hoffentlich werden! Denn das ist ein entsetzliches Wort, daran Alle immer denken sollen:
How exvellent that Iiiks — Lifee — they nev'r! will lead!
oder, da einige Deutschthümler behaupten, die Dichtkunst der Deutschen dürfe nicht ohngereimt seyn, gereimt gesagt:

            Wie herrlich das Leben auf Erden —
          Das wir nie führen werden!

So soll es von uns nicht heißen! Davor bewahre uns der wahre Gott! Nur davor! Welch herrliches Leben können wir führen, wenn wir nur Sinn dafür haben! Wir sind einmal so eine wunderbare Menge Menschen von Dorpat bis Neuschatel, in einem großen, prachtvoll erleuchteten Saale — einem wahren Sommer- und Wintergarten mit chinesischer Mauer— sollen wir nicht endlich an ein schönes Leben darin denken, da selber Gott uns nicht erlösen kann, noch

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es uns besser schmucken als wir, mit seinen Gaben, die unser sind, die wir selber sind. Wir sind die Gaben! Unsere Seele, unser Sinn, unsere Freude! Und unser reiche Herr Testator hat uns Andern nur die bittersüße Lehre gegeben: „Menschen, habt nur Patriotismus! Dann habt Ihr Geld, Freude und Alles vollauf. Thue Jeder das Seine für Alle! Das müßte der Teufel seyn, daß noch Elend wäre, wo Freude ist!“ Und sein Gedanke hat schon in alle Köpfe und Herzen unserer Stadt eingeschlagen, so daß sie meinen: Ja, sogar eine nagelneue Invention, eine Freudensteuer, würden wir eben mit Freuden geben! Man soll sie als Gegengewicht nur getrost auflegen! Und wird unsre brennende Stadt nicht weit umherleuchten? Hoffentlich! Denn es giebt zwar Blindenanstalten so manche, aber nous autres sehen recht gut. Dann habe ich noch zu bemerken; das unseres Herrn Freudentestators tiefsinnige Absicht dahin geht, daß die Privat-Harmonien, Clubs, Schrubs, und wie die Gesellschaften alle heißen, nicht das öffentliche Leben aufheben, beschränken, zwängen und in Kasten thun soll, sondern, daß es — ich wiederhole es gern — das öffentliche Leben dadurch blos vorbereitet und verbreitet werden soll, nach des Testators freundlichem Bilde, so, wie man Tauben einsperrt und Junge brüten läßt in diesem und jenem Kasten, sie darauf zusammen-fromm in den großen Taubenschlag läßt, in welchem dann Jede glaubt, zu Hause zu seyn. Also, Kinder, seid nur zu Hause! Seid hier! Und nun sagt mir zuerst:

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Was geben wir für Musik?
Wo? — und . . . .
Wann?
Also zuerst nun: Was! Kinder, Staatsrath, berathe!
          „Alle versanken
           In Gedanken!“
sprach der Assessor.
      Ich habe gedacht, und spreche, sagte der Stadtmusikus: Es ist doch ein elend Ding um des Volkes Vergnügungen! Einer ruft da: „Polonoise!“ — und nun spielen ihm wir Herren Musikanten eine, welche wir wollen, oder einen Walzer, und das edle Volk setzt sich nach der Melodie desselben in Trab oder in Galopp, oder jagt sich auf gut Massurisch nach unsrer Melodie im Saale herum! In der Kirche selbst muß das fromme Volk des Herrn Musikdirectors Musik anhören, die aus B-dur, oder aus Fis-moll, wie er sie ergreift, und es muß das Lied singen, welches der Pastor in Eil die Gemeinde commandirt hat zu brüllen; denn Kirchengesang giebt es nicht, oder kaum. So hängt keine Erbauung, kein Vergnügen vom Volke ab, und es fähret dahin wie Blätter im himmlischen Sturm, im Sturme der Kunst, der über die Erde saust.
      Leibhafte Stadtmusik, sprach der Assessor, Sie meinen also: es ist gleich, was wir dem Volke für Freude, Musikfreude machen. Verehrte Musik-Betrauten, erlauben Sie mir eine kurze Chrie! Sie heiße: 
          Der große Ohrenzwang.

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      Also wir haben Alle den allgemeinen Ohrenzwang, Augenzwang, u.s.w. Aber das Volk tanzt doch! es erbaut sich doch, es hört doch Musik! Das ist die Sache! Wie soll es sich noch weiter darum bekümmern? dazu hat es nicht Zeit, nicht Verstand und nicht Pflicht. Aber das Volk, es zahlt und unterhält mehr Herren und Frauen-Musikanten, als alle Herren Kaiser und Könige auf Erden bezahlen könnten. Und sind denn diese höchsten Herrschaften nicht auch dem Ohrenzwange unterworfen? Haben sie nicht auch, wie wir Alle, Nußschaalen auf den Augen, und ein Löchlein durch die Schaale, um nur gerade das oder die Kunstwerke zu sehen, die ihnen die Maler hingemalt haben, wie den Kindern. Wie die alten Juden posaunten, danach mußte Davidchen vor dem überberühmten alten Bundeskasten springen, hoch! — so hoch! — so hoch! und es wäre nichts lächerlicher, als wenn Davidchen heut am hellen Tage noch einmal, zum Beispiel: in Berlin die Linden hinunter, zum Brandenburger Goliathsthore hinaus in den Thiergarten, nebst dem natürlichen Gefolge tanzen müßte. Hofdamen und Hofherren haben es jetzt doch weit bequemer. So haben sich die Zeiten geändert, und jede Zeit fordert ihren eigenen Unsinn, worüber die jedesmalige Nachwelt lacht — denn zu lachen muß die Welt immer Etwas haben; auszulachen. Über die Gegenwart kann man fast überall nur immer weinen — zum Lachen ist also die Vorwelt und die Weltgeschichte übrig; denn Lehren und Weisheit zieht sich kein Mensch aus den Todtenkränzen

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verloschener Frühlinge, wie keine Biene Honig aus welken oder nur welkenden Blum«, die ihr Haupt geneigt — und keinen Honig mehr haben. Indessen David tanzte ansetzt gewiß sehr gern — denn bei der Gelegenheit sähe er Berlin, das er sonst in seinem Leben nicht zu sehen bekäme, und seine schönen und noch schöner geputzten Frauen und Fräulein, die er so so gern sah und noch lieber hatte, bis er gar nicht mehr warm werden konnte. Dabei müßte auch er wieder gerade den Spontinischen Festmarsch hören, den die Hautboisten auftischen oder aufga+s+s+en. Denn mein liebes, gemeines Volk in Ehren! oder doch nicht in Schanden — die Vornehmen, Größern und Großen sind eben solche Sclaven der Zeit, wenigstens was Kunstgenuß und Kunstwerke betrifft, wie die Gemeinen. Da steht ein prachtvolles Schauspielhaus quer durch einander, ein Wundergebäu, ein Keuschhaus der großen Diana oder Thalia. Was kann man darin sehen und hören? Das, was die Künstler der Zeit gemacht, sich zuerst vorgetrommelt und vorgepfiffen haben zu ihrem eigenen Vergnügen! Was für Kirchenmusik kann man hören, als — eine, die gemacht ist; denn Eine, die nicht zur Welt gekommen ist, läßt sich nicht machen, nicht hören. Was giebt es in den Kunstausstellungen? Nichts, als was die Künstler zur Ausstellung schicken. Höchstens hat ein Kaiser, König oder Intendant die Wahl „auf besonder Begehr“ wieder einmal etwas Altes leiern oder ablpielen zu lassen — sonst muß die ganze Welt sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen,

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was die Garköche Apollons in den Topf gesteckt und der Welt gebraten haben. Siehe also, o Welt, die Welt mit Ohren, die Welt mitMu» gen, siehe: Solche große Männer, solche Großherren sind die Künstler, begabt mit der uneinschlagbaren Freiheit: die Herren Ohren und die Frauen Augen blos und allein damit zu unterhalten, was ihnen in Kopf und Herz, in buccam — in die Trompete kommt. Die Künstler sind die Alleinfreien — diese Menschen, diese Eingebildetsten, Großestthuenden, Kühnauftretenden, die oft nicht zwei Groschen in der Tasche, und einen abgeschabten Hut auf dem störrischen Nischel voll Locken haben; sie beherrschen die Herzen und Seelen, sie geben ihnen zu fühlen, was sie an der Pforte der Träume erlauscht und gemerkt haben, wie Mozart das Miserere in der Sixtina! Ihren Geist prägen sie dem Zeitalter auf, und ihren Ruhm schleppen Postpferde und Dampfschiffe über Land und Meer, durch Auen und Sand in der Welt umher. So viel Künstler, so viel neue Welten. Sie gehen leicht, oft lüderlich angezogen, und geben doch die Mode an, der sie auch nicht gehorchen, und sie formen immer die formbare Masse neu. Und das Alles bewirken sie mit halbhungrigem, halbsattem Magen, oder auf einer Schindmähre sitzend, die ihren letzten Trab unter ihrem Stocke macht. O Herren, wie elend sind unsere Herren, und dennoch sind und bleiben wir ihre Diener! — Ende des Ohrenzwangs! Hier nun liegt auf dem Tische der vielbändige Katalog aller auf Erden vorhandenen musikalischen Werke von Breit-

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kopf und Hertel. Wählt! Nehmt! Wer die Wahl hat, hat die Qual.
„Wir wollen ein deutsches Musikfest!“ rief der Platzmajor; „also bloß deutsche Musik.“
Giebt es nur ein Instrument, was die Deutschen erfunden — das Pianoforte etwa ausgenommen? sprach der Cantor. Borgen wir eigentlich nicht alle Geigen, Flöten, Trompeten und Pauken, und alle 20, 30, 40, Instrumente von 20, 30, 40 Völkern, fort und immer fort? Und ist das keine Schande, wie Manchem scheint, so borgen wir doch auch die Werke anderer Völker. Geben wir Alles Beste, was je musicirt worden! Das ist deutsch!
      Hierüber entbrannte nun ein Streit, der nach einer Stunde so heftig und grob ward, daß er billig ausgelassen wird. Wer sich je gestritten, wer Jemand unhöflich behandelt hat, oder grob behandelt worden ist, möge sich die Empfindungen der Musikbetrauten aus seinem Gedächtniß hervorholen. Besser aber, er kann es nicht.
      Es hatte nichts geholfen! Der Dictator war gezwungen worden, durch einen Machtspruch zu entscheiden: „Es soll blos deutsche Musik gegeben werden.“ Wie aber keine Gewalt, schon weil sie Gewalt ist, nicht ohne innere Renitenz aller Andern, und besonders aller Derer bleibt, die neben ihrem Wort noch gar manches Wahre und Bessere wissen, so geschah es auch hier. Die Betrauten bestanden, wie geschlagene Kammern, desto heftiger auf Amendements. Der Dictator mußte

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seinerseits der Gewalt der Opposition nachgeben: daß wenigstens Herr Karl Cloß aus Danzig eingeladen werden solle, um durch Aufführungen aus allen Jahrhunderten den Deutschen eine hörbare Geschichte der Musik zu blasen, zu zithern und zu harfen.
      Ein zweites Amendement ward auf des Assessors stürmischen Antrag — aus stiller Liebe zu Isalinen, der Russin, und zu Gunsten ihrer schönen Freundin Giovanna aus Italien — votirt: daß wenigstens Virtuosen und Sänger anderer Völker die deutschen Musikwerke dürsten helfen aufführen, da sie doch verdienten, wenigstens als Instrumente betrachtet zu werden, deren auch Keines aus deutschem Gehirne sei, nicht einmal der Dudclsack.
      Dabei fielen die Worte in die Spähne: Ob, denn die heutige Musik auch alle denkbaren Instrumente habe? Haben wir etwa einen auf die Praxis gewandten Chladni, der wie jener brave 2700 Jahr vor Christo alte Chinese Cyng-lyn eine Untersuchung alles Klingenden angestellt, um aus jedem ein Instrument für Menschen zu machen? O wie viel fehlt uns Deutschen!
      Landgraf hatte indeß sehr ruhig geschrieben das Nöthigste, Erste: ein Schema zu den Einladungen der schon in den verschiedenen Gegenden Deutschlands bestehenden Musikvereine, Gesangvereine, Musik-directoren, Concertmeister und Virtuosen, Sängerinnen und Sänger, deren Ramen und Wohnorte er theils wußte, theils aus dem „Pantheon“ schöpfte.

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Das Muster paßte mit veränderten Namen für Alle, denn, wenn das Blatt Gefühl gehabt, hätte es müssen purpurroth werden vor Schaan» über die Schmeicheleien, und schwefelgelb und grün vor Neid und Ärger. Mehre schlugen vor, diese tausend Briefe zu lithographiren. Der Dictator aber verbot es, damit jeder Empfänger und jede Empfängerin nicht glaube, sie werde mit Allen über einen Leisten geschlagen. Es bildete sich auch ein geheimer Ausschuß über das Iedem zu zahlende Honorar, worin harte Worte fielen, auch Zweifel, ob sie kämen; worauf eine Stimme erscholl: daß nur Wenige nicht für Geld fungirten, und für zehnfache Gage selbst aus des Teufels Capelle giengen, geschweige eine schöne Sommerferienreise zu ihrer Bewunderung machten.
      Während dieser Geheimnisse hatte der Assessor auf Landgrafs Bitte die Einladung des Volkes verfaßt, damit sie zeitig auf die Sommergedanken aller nicht wand-, band-, niet- und nagelfesten Deutschen wirke, und ihre Reise-, Lust-, Bade- und Musik-Gedanken auf ihren Ort wende.
      Der Prospectus, sagte er zu Landgraf, der freilich uoch fehlt, und besagt: Was für Musikstücke, wo und welchen Tag gegeben werden, wird noch Zank geben! Dann wird er beigelegt — wenn er eristirt, und oben auf den Bogen wird unser liebliche Ort gut und schön abgebildet, ja colorirt. Das Volk will, sehen, wo es , hören soll. Das liebe Volk versteht Scherz! Man spricht mir öffentlich immer zu ernst zu den guten Leuten, wie zu Perückenstöcken und Staatsperücken, oder per soll!

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und per muß! und per bei Strafe! Deshalb hab' ich es so versucht. Das ist der Schlüssel zum Tone.

      Des Contrasts wegen mußte der steife, düstre, wie immer zornige Platzmajor Hinterweiner das Blatt vorlesen zur Begutachtung und Genehmigung und las den Betrauten nun, wie folgt:

Einladung

zu dem


Ersten großen Musikfest der Deutschen.


An ein höchst zu verehrendes und höchstverehrtes Deutsches Volk!

Mit der größten Bescheidenheit erlauben sich die ehrerbietigst Unterzeichneten, Vorsitzer und Beisitzer des Clubs zur Abendfreiheit, die Ersten zu seyn, welche so glücklich seyn können, Ein Deutsches Volk zu dem Ersten großen Musikfest aller Deutschen hierdurch feierlich einzuladen! Mit der größten Bescheidenheit erlauben sie sich zu bemerken, daß sie ungeheures Geld haben, das ihnen gleichsam vom Himmel gefallen ist, wenn andere, deswegen noch viel ehrenwerthere

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Casino's oder Casini am Jahresschluß kaum 49 Gulden I0 Kreuzer Überschuß haben, die sie vertanzen, also doch selbst etwas davon haben, nämlich müde Beine; denn die erschöpfendste Kunst ist die Tanzkunst; wir aber wollen unser Plus vergeigen, verblasen, versingen, vertrompeten und verpauken lassen, zum Besten Anderer Ohren, die wir doch im Durchschnitt zu 30,000 in Anschlag bringen. Mit der größten Bescheidenheit erlauben wir uns zu bemerken: daß bei unserem großen Ersten Deutschen Musikfest gleichsam dem Ersten großen ökumenischen und katholischen, oder allgemeinen Concilium aller Deutschen Capellmeister, Musikdirectoren, Cantoren — auch Schulmeister sind zugelassen — Singmeister, aller Sänger und Sängerinnen, aller Instrumente, von der großen Pariser Heerpauke bis zur Pickelflöte herab oder hinauf, und aller Blas- und Streich- und Schlag-Instrumente — daß also bei diesem gewiß verwunderlichen Musikfest an jedem Tage und Abend bei jeder Aufführung — kein Geld bezahlt wird, nämlich kein Eintrittsgeld. Wir sagen also bescheiden: Wir geben die Musik gratis, wie alles Ehrwürdige und jeder Kunstgenuß und alles Heiligen Genuß gegeben werden sollte, und sogleich wurde, wenn das Hochverehrte, Deutsche Volk die höchste Gnade hätte: Nichts dafür zu bezahlen; und dadurch die Italiäner noch überträfe, die für die neuste Oper nicht gern Einen Paolo Hör- und Sehgeld bezahlen. Durch die vielen Theilnehmer aber, unter denen denn auch mit vollem Recht die

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Armen sind, damit sie doch wenigstens die geistigen Gitter auf Erden mitgenießen, kommt die zur Darstellung nöthige Summe mit Freuden zusammen, nicht wie in einem Paga-ninischen Concert, dessen Eintrittsgeld selbst die Reichsten erinnert: der Paganini führe seinen Namen von paga — bezahle! Auch verlangen wir kein Austrittsgeld, welches man mit einigem Recht fur alle Arten von Darstellungen oder Aufführungen vorgeschlagen, wo nur diejenigen bezahlen, denen das Stück gefallen hat — um an der Summe Geld die Summe Vergnügen der Zuschauer oder gar die Summe Werth des Stückes zu wissen; nein! wir werden es aber auch Keiner und Keinem wehren, der am Schlusse des Festes an uns Viel oder Wenig zurücklassen will, um aus dem Opfer einen kleinen Fonds zu bilden, den wir an diejenige Stadt des Vaterlandes getreu einsenden werden, welche über vier Iahr das Zweite große allgemeine Mustkfest geben wird. Denn es wird nicht ausbleiben, wie die zweiten Olympischen Spiele nicht ausgeblieben sind. Mit der größt'ü Bescheidenheit erlauben wir uns zu bemerken, daß wir nicht weniger als alle musikalische Genie's besitzen, alle Deutschen Virtuosen auf der Menschenkehle, als dem vollkommensten Instrument, sei es nun Baßkehle, Bariton-, Tenor-, Alt- oder Diskant- und Soprankehle, die freilich vielmehr zu unterhalten kosten an Wein und Speisen als irgend ein anderes Instrument, da die Orgeln und Blasinstrumente, selber der Dudelsack, bekanntlich mit bloßem Winde zufrieden sind und abgespeiset werden, Bässe und andere Geiginstrumente —

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noch göttlicher als Anakreon's Grille, die, von ein wenig Thau begeistert, himmlisch singt — aber auch nicht einmal Wind bedürfen, um Iahrhunderte zu exi» stiren, also viel vorzüglicher sind als alle Zeitungen. Ein unschätzbares Deutsches Volk macht in einer sol» chen Geisterversammlung die tiefsten, gründlichsten Bekanntschaften an ihren Werken, gleichsam an ihren Seelen, den Leiden und Freuden derselben, und erspart sich die vielen Stahl- und Steinbildnisse derselben zu kaufenI Viele Tausend sehen viele Tausende — — ihre fernen Freunde wieder! oder zum erstenmal. Unsre wohllöbliche Badedirection meint, die Reise zu uns könnte zugleich eine Reise in unser weltberühmtes Bad seyn, und wäre unentgeltlich, da sie als Reise zum Musikfest schon bezahlt wäre! Das sollten Hausväter, ihren lieben Frauen und Töchtern und Schwestern und Muhmen und Tanten zum Besten, gar wohl erwägen. Und wenn im alten Griechenland, erlauben wir uns zu bemerken, der Kleinheit des Griechenländchens wegen, die Volkswanderungen nur kurz und gleichsam nur Wallfahrten ganzer Städte waren, so machen ja jetzt die Eilwagen in ganz Deutschland die Wege und Län» der kurz und klein, und die Tage zehnmal so lang und groß! Ja, erlauben wir uns zu bemerken, weil bei den alten griechischen Volksspielen keine Frauen erscheinen durften, also unmöglich zuschauen konnten, so sollten die Deutschen unschätzbaren Frauen es sich gerade in den Kopf setzen, den Griechischen Ehemännern die Schande im Grabe anzuthun: zu unserem großen Deutschen

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Musikfest zu reisen, und ihre niedlichen Ohren, also ihre kleinen Trotzköpfchen mit dem weltbekannten schönen Gesicht mitzubringen, das in der Mehrzahl eine unvergleichliche Bildergalerie giebt, wogegen die Römischen, Florentinischen, Venezianischen, Wiener, Münchener, Dresdner, Berliner, Pariser und Londoner Galerieen der Grazien nur Nürnberger Bilder das Stück zu 3 Pfennigen wären, besonders gegen das Gekeucht so vieler Tausend schöner blauen lebendigen Augen. Wie werden die Spieler spielen, die Sänger singen, die Hörer hören, entzückt in solcher Sonnen Geflirr und Geleucht! Da wir nun — wir sprechen im Namen der glücklichen Deutschen Männer — sehr schöne Frauen in Deutschland haben (Wer sie nämlich hat, wird in unsern Jubel stimmen); da also auch mehre Frauen die Schönsten seyn werden, so sollen die Andern die Schönsten aus sich wählen, nur die schönsten Zwölf, welche die Preise an die vortrefflichsten Sänger, Geigen-, Flöten- und andere Instrument-Spieler zu geben gebeten werden. Die Preise bestehen in Kränzen, aus goldenen Reifen und Blättern, und wir sind, wie eine Wiener Direction einer Herrschaftsverloosung, erbötig, jedem Sieger, der einen solchen Kranz erworben, für denselben, 100 Louis'dor Gold zu garantiren, da wir wissen, daß die Meisten der Herren Virtuosen Geld lieber haben, und goldene Dosen, Diamantringe und Ketten, die sie von hohen Personen bekommen, doch nachher, und oft um ein Geringes, verschleudern, versetzen, verspielen, kurz nichts daran

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zu haben glauben, als ein todtes Capital. Die vielen tausend Bräute und stille und rauschende Hochzeiten beweisen aber auch, daß es viele schöne Männer in Deutschland giebt, also auch Schönste. Männer sollen wiederum diese auswählen, um die Herzen der Frauen nicht bloszustellen, und diese erwählten schönsten Männer sollen dann wieder die vortrefflichsten Frauen und Fräulein, Sängerinnen, Harfenistinnen, Pianistinnen u. s. w. mit einer Perlenschnur krönen oder einen Shawl ihnen umhängen, für welche wir desgleichen 100 Louisd'or in Golde garantiren. Und somit glauben wir auch Reiz in unser großes Deutsches Musikfest gebracht zu haben, Ehre, Wetteifer, Anstrengung in allen Gesangschulen, um sich einen ausreichenden Blasebalg oder Singebalg in der Brust — eine gute Lunge anzuschaffen (ohne welche eine schöne Kehle noch kein Singinftrument ist) und auch Singmethode zu lernen. Auch glauben wir durch die Ertheilung von Preisen nicht derjenigen Stadt das Leben sauer gemacht zu haben, welche nach uns das allgemeine Musikfest giebt. Denn wenn die Wiener und Schlesischen Pferdeliebhaber hohe Preise auszusetzen das Geld haben und geben, wie sollte es nicht in ganz Deutschland Musikliebhaber geben, die gleichfalls alle vier Jahre lumpige 12,000 zusammenschössen! Wir würden uns schämen, daran zu zweifeln. Wie endlich nicht blos an den Nemeïschen, Pythischen, Isthmischen und Olympischen Spielen gesungen, gesungen, gedichtet, gelaufen, geküßt und getanzt ward, sondern:

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um es zu können, überall Jahre lang zuvor und danach von allen fähige Subjecten in ganz Griechenland, so dürfen auch wir mit Recht ein unendliches Gepfeife, Gesinge, Gegeige, Getrompete, Geposaune etc. in ganz Deutschland hoffen — also eine Richtung zur Kunst, deren Mangel allein uns eben so gehalt- und fühllos macht. Eben so sehr hoffen wir die jährigen Musikfeste in einzelnen Städten und Provinzen zu beleben mit großer Aussicht, wie ein tartarisch-türkisches Regiment, durch ein großes Soldaten- und Kanonenfest, wie das letzte zu Kalisch. Die großen Geister werden an dem unsern eben so große Freude haben. Auch hoffen wlr bescheiden doch auf 30 Prinzen und 60 Prinzessinnen. 
      Wie gut für Wohnung und alles Andere gesorgt seyn wird in unserem Badeort, der gleichsam ein einziges stupendes Gasthaus ist, möge man gefalligst schou einzig und allein daraus abnehmen, wenn wir erwähnen, daß wir sogar Mayerhofersche Notenpulte, die auf einen Wink mit der großen Zehe die Notenblätter umwenden, aus Utrecht verschreiben, ja, daß selber Schwerhörig?, vulgo Taube, uns keck mit ihrem Besuche ehren mögen, da wir genug Exemplare von Dunker's Hörmaschinen herbeischaffen, die wie Ohren gehörig verlängert werden können; desgleichen Englische Hörstühle mit künstlichem Baldachin und Hörbacken, sehr gut selber für Italiänische Theater, da sie zum Hören zwingen, indem man, darin bequem sitzend, das Leiseste aus der Ferne

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hört, und das Lautschallende aus der Nähe — wie Riesen- und Göttermusik! Und das, wünschen wir herzlich, soll unsre Musik einen Jeden bedünken!

Eines Höchstzuverehrenden und Höchstverehrten Deutschen Volkes
unterthänige
Die Betrauten des allgemeinen Musikfestes.
Landgraf.            Hudler.            Nimrod.
Freudenreich. Dr. Baumstark. Petershahn.


 
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