Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel VI.
    Der Kaiseraal

     
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    Aus Moste nur wird Wein;   
    Was niemals hat gegohren,   
    Ist nicht vom Geist geboren,
    Drum muß die Gährung seyn.

           Landgraf stand im Kaisersaal unter 160 lieblich angezogenen, rosigen, kleinen Mädchen, deren keines acht Jahr alt war. Ihre Mütter oder erwachsenen Schwestern hatten sie herbegleitet, um auf 80 Pianoforten, vierhändig auf jedem, die Ouvertüre aus der Zauberflöte zu spielen, die sie zu Hause eingeübt.

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            Während die göttliche rauschte und verrauschte, standen Landgraf die Thränen in den Augen. Das soll keine Fuge seyn! nur eine Galanteriefuge! sprach er. Petershahn! Cantor, seid kein Esel, sagt: Wer hat eine schönere Fuge gemacht? Wo fliehen und verfolgen sich himmlische Geister so und erreichen sich, herzen und küssen sich, und fallen zuletzt vor Entzücken todt hin, sind weg wie zerflossener Duft — und wir stehn in Begeisterung! Petershahn, bekehrt Euch! Laßt nur Andere auch einmal solche freie Fugen machen! Macht selber Eine! Zehn! Hundert! Das Fugiren war die große Erfindung, nicht der Zwang. O wie schön, wie geisterhaft lebt doch ein Künstler! Mozart hat uns besucht. Er war da, er ist noch da, er bleibt bei uns? Er ist wie der gute Geist in Aladdins Lampe, und Jedem hat er eine Lampe gegeben, ihn zu citiren, wer nur ein Lämpchen hat und so ein edles Hausthier.
          Was meinen Sie? frug der Cantor. Nun ja, das Pianoforte ist das himmlische Hausthier der Menschen! aus jedem kleinen Hause die Thür zur Geisterwelt, zum stillen Himmel! Mehr werth als Hund, Schaf, Pferd, oder Schwein, Ratte, Katze, Ziege, Floh, L . . . und Maus! 
          Diese Probe war aus, und Eltern und Lehrmeister waren erstaunt, ***Was* ihre Kinder gelernt hätten, wie Göthe nicht wußte, was er Alles damit lernte, als er das erstemal A. B. C. schrieb, oder Raphael, als er den ersten Strich mit dem Pinsel machte. Das Leben ist kurz, und das Wissenswerthe häuft sich beängstigend!

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    sprach Landgraf. Wie herrlich ist nun des Berliner Herrn Tölkens Pianoforte! Alle Obertasten mit in die Ebene der Untertasten gelegt, so daß nun jedes Kind Alles so leicht spielt, wie aus dem leichten C-Ton! Nur ein Fingersatz für alle Tonarten! Kurz Tölken hat die Musik in die Kinderstuben gerufen! Und jung muß man Musik lernen! Bei Zeiten muß man kön» nen! Ein Wunderkind von 30 Jahren ist ein Jammer! Und wie viele solche Wunderkinder haben wir Deutschen in allen Fächern! 
          Indeß kamen die Mitglieder des Singevereins, als leibhafte Instrumente selbst. Aber das schönste Instrument vor allen war Isaline, die ihren blinden Flötenspieler Silbermann mit daherführte, um ihm Freude zu machen. Auch Palmanova war mit seiner Giovanna gekommen. Giovanna sang mit Isaline die zarte Fuge in F-moll und Pergolesis Stabat mater, und Isaline wußte nicht, wie ihr von der festheiligen Alt-Stimme der Giovanna geschehen war — so war sie nie gerührt gewesen . . . . und Giovanna lächelte sie nur an. Sie blickte in des Jünglings Augen — der ihr eine Jungfrau schien und war, und Giovanna umschlang sie nach anderer Mädchen Weise und küßte sie zum Dank für ihr rührendes Singen. Und nun erröthete sie, floh gleichsam zu ihrem theuren Freunde und Lehrer, zu Landgraf, und auch der drückte sie an sein Herz. Aber das konnte sie hold ertragen, das that ihr wohl.
    Nun aber sang sie aus der Schöpfung den Schlußstein, die Arie von Adam und Eva mit dem Assessor

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    Freudenreich, der nur indeß, statt des zum Fest eintreffenden bessern Sängers, seine Stelle vertrat. Er hatte Jsalinen schon lange in Gunst, die Landgraf auf ihn übergetragen, was sie mit Freundesaugen gesehen, d» sehr hold sehen. Jetzt aber, da sie als Eva neben ihm stand, wie am Traualtar, da sie reizende liebevolle Versicherungen in seine Seele sang, hauchte, goß, strömte, wie die Sonne, Licht und Gluth — da sah er aus eigener Seele das Weib in ihr, das vom alten Vater des Himmels wunderbar sogleich groß und herrlich geschaffene Wesen, das ihm, wie einst dem Adam, vor wenigen Augenblicken auch noch nicht dagewesen war, und in seinen Worten verhieß er ihr Liebe, Treue, und sang wie ein Kind aus Herzensgrunde das: „Mit Dir! . . . . Mit Dir!“ . . . . und dann sang sie ihm Alles nach, nur noch gewaltig empfundener; und nun auch das: „Mit Dir! . . . . Mit Dir!“ Freudenreich hatte schon lange die Schöpfung vergessen, selbst daß er sang wußte er nicht mehr, er lebte nur — denn er liebte — da kamen Beide auf den Halt. Ihm verschwebte, verging, versagte die Stimme zum Weitersingen. Er war in seinem Wesen fertig, vollendet durch das Lieben — und so war ihm Alles fertig und aus. Wie aus einer alten Erinnerung der Arie, deren er sich noch leise wie aus einer Urwelt bewußt war, versuchten die Lippen zwar weiter zu singen. Aber Er war fertig und schwieg und zagte und zitterte leis und schwieg. 
          Das heißt man stecken bleiben, Freund! flüsterte ihm Petershahn ins Ohr.

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            Bin 'ch stecken geblieben? Ich? frug er.
          Wie Ihr Euch ansaht — setzte Petershahn hinzu. Assessore! Ihr habt Euch wie einen Keim gesteckt! Ich wünsche viel schönes Morgenroth und Abendthau! Indeß, zu Eva's Zeit war nur Ein Mann auf der Welt. Was wollte da Eva machen, als ihre Lüstlein den nachfolgenden Enkelinnen überlassen? O die Evatöchter — sind alle Eine Eva. Eva ist sie Alle, Assessore! Freudenreich!
          Dagegen sagte Landgraf seiner lieben Isaline: Gut gesungen. Gut ist der Superlativ von jedem „besser“. Wäre ich Se. Erlaucht der Graf Tizian, so malte ich heut Isaline, wie er seine Tochter, Comtesse Lavinia. Sie sollen auch heut noch Ihre Corbeille erhalten! 
          Damit meinte er reichen Putz aller Art für das Musikfest. Aber seine Geschiedene hatte das Wort gehört; sie wußte, daß Landgraf jedes Versprechen sogleich erfüllte, Niemandes Schuldner seyn sonnte, am wenigsten sein eigner, und beschloß, das für ihre Hortensie fein zu benutzen.
          Freudenreich aber hatte sich fortgeschlichen, saß in einem einsamen Zimmer, starrte auf das Sonnenlicht, das vom Himmel durch das Fenster vor seine Füße fiel, war von demselben noch mehr gerührt, weinte still und sprach für sich: Habe ich nicht immer alle Schafsköpfe von Ehemännern ausgelacht, alle Väter und Mütter und Brüder und Vormünder, wenn ein Ner» liebter zu ihrer Frau oder Tochter alle Liebesschwüre, süße Worte und Verheißungen in frevelhaft schönen

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    Melodien sang, was der Hundsfott nicht sagen durfte, die treulose Hundin nicht antworten durfte! O der Tücke! O der Blinden, die darauf noch Lob und Preis den Singenden zollten — die es aus richtigem Gefühl ihres Frevels bescheiden ablehnten. Was sang erst letzthin der Prinzessinlehrer dem lieben Kinde, und wa sang ihm das verdammte Kind! Nun war ich selbst so ein verachteter Spitzbube! Und ich vergebe mir selber! O ich Edler! Aber du Teufel, der mich in mir kohlt, du sollst sogleich dein Maul halten — ich will heirathen! Sie heirathen! Nun mucke noch, Teufel! Oder lachst du nur erst recht und sprichst: Heirathen ist ein Wort so weit wie ein Wollsack, darein a!le Lust und Freude des Mannes und des Weibes hineingeht, und sieben Kinder dazu- und Schaam und Thränen, und Ainderhäubchen und Wiegen, und alle Schachteln einer Frau. Heirathen ist der Deckmantel fur alles Sehnen der Mädchen, sie wollen nichts als heirathen. Aber: Was wollen sie Alles damit, mit dem närrischen Wort heirathen? Kann es ein cabbalistischeres Wort dafür geben? Nein! Aber ich weiß, jetzt weiß ich, was die guten Kinder alle Alles damit wollen — denn ich will heirathen! Isalinen heirathen, sie haben mit Leib und Seele, Tag und Nacht, bis sie alt und grau wird! Entsetzlich, o Liebe, geht es dir endlich auf Erden. Ich sehe schon Isalinens Grab — aber ich will sie doch heirathen!
          Aber, fuhr er nach einer Weile fort, indeß er feurig umhergegangen; war auch zu widerstehen?

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    Widersteht Einer? Eine? — Keiner! Keine! Die Liebe ist die höchste, ja die allergemeinste Vernunft — denn selbst die alberne Nachtigall liebt und singt, und wie! O was ist schon Ein Ton, Ein einziger Klang aus der Menschenbrust! O Wunder Eines Klanges! Wie stumm, wie räthselhaft, dumpf und stumm liegt der Äther mit Sonne, Mond und Sternen und Wolken vor uns, und drunten die Erde, die Berge, die Felsen und Wälder — Horch! da erschallt eine Stimme der Lerche in den Wolken, die Wolken reden ein Donnerwort, die Nachtigall ruft einen Laut im Gebüsch, die Hirtin ruft einen Hall im Gefild — und die Natur lebt! Es ist noch Etwas in ihr, das Seele hat, und Geist und Seele ist! — O welches Heiligthum öffnet ein einziger Klang, der Ton einer Menschenbrust! Wer nie in die innige Herrlichkeit und Seligkeit nur Eines Tones versunken ist! wie über Harmonikaglocken, wer in dem Einen nicht alle Musik geahnt, der ist ein Schaf, das bei seiner Glocke Gras frißt, kein Mensch, nicht einmal eine Spinne, und ein Tonkünstler wird er nie! Recht lieben wird er nie — die Seele im Weibe! Wer nun ein alter Gott wäre! seufzte er; nämlich ein junger Mars, Bacchus, Merkur, Apoll! Verlangen und Hochzeit Eins! Aber dann war es auch aus; Verlangen und Hochzeit waren wo anders, und Niemand war elender als die armen Götterkinder, und ihre Mütter, ja selber die Götter. Sie hatten keine Ehrfurcht vor Einem Klange! Einem Weibe. Sie konnten nicht instrumentiren, weil sie die Musik in allen Instrumenten suchten,

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    wie unsere neuern Meister, geradezu gesagt, nur frivole, alte Götter sind und nicht instrumentiren können. Musik und Ehe verlangen dieselbe hohe und höchste Kunst; und sie wollen unsre Musik und unsre Ehen auflösen in — Instrumentalmusik, in Instrumente. O Gluck! o Gluck! wie vielmehr thatest du mit Einer Oboe, Einer Flöte, als alle Wüthriche jetzt zusammen genommen!
          So sprach unser Freund, Musik und Liebe vermischend, von beiden voll. Menschlich bleibt mir nichts übrig, als: Ich heirathe, Isalinen! Das aber sag' ich gleich. Durch das Wort: ich heirathedich! geräth das Mädchen in einen gefeiten Kreis; eine Nebelkappe wird ihr übergeworfen und sie ist gebannt. Das Weib ist bestimmt, dem Manne nichts abzuschlagen — nur Welchem? ... Das will ich versuchen auf ihr Wort: „Mit Dir!“ Mit Dir! Geh, kaufe ihr die Corbeille!
          Jaïs, der unglückliche Mann, der deswegen jedem gern zu seinem Glücke half, kam zu rechter Zeit. Er war in Nimrodj Haus übergegangen, wohnte bei seinem Freunde Landgraf, und war durch dessen Freundschaft für den blinden Silbermann, auch des armen Mannes Freund, dem Landgraf im Erdgeschoß seines großen Haus die schönsten Zimmer eingegeben hatte, damit der Blinde keine Treppe steigen, keine hinab gehen dürfe.
          Jaïs fragte dem glühenden Freudenreich leicht seinen Kummer ab, da das Herz ihm halb von selbst aufbrach, wie eine vollgeschwellte Knospe.

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    Er versprach ihm, mit Silbermann zu reden. Und Freudenreich ging, für Isalinen das Schönste zu kaufen.

    In dem Modewaarenladen, dem zur Seite ein Bijouteriegewölbe sich befand, fiel eine artige Scene vor. Freudenreich fand die beiden Lieutenants Bock und Engel, die ihr Möglichstes daran setzten, Jeder Isalinen ein anbietenswerthes Geschenk zu kaufen. Freudenreich, der es sah, lächelte nicht, daß Keiner von beiden sie zum Weibe erhalten konnte, indem sie Beide nicht das Vermögen besaßen, das Lieutenants heiraths» fähig macht, daher sie meist nur heirathslustig, oder lustig überhaupt bleiben. Und Isaline war arm. Er segnete seine Eltern, die ihm genug hinterlassen hatten, um selbst als General das ärmste Mädchen, ohne Dispens, zu heirathen. Aber da stand auch schon Frau Landgräfin zum Schein für ihre Tochter Hortense um Etwas zu handeln, denn sie erwartete ihren Landgraf. Er kam richtig an die Ladenthür. Er sahe sie. Er stutzte. Aber seine Charlotte Caroline, seine Tautologie gesehen zu haben, umzukehren und fortzugehen, wäre ihm bitter bekommen. Da er im Laden war, mußte er kaufen. Da er gekauft hatte, mußte er daS Gekaufte an Hortense schenken — als seiner Tochter. Und aus ganz anderem Vorsatz, dem er treu blieb, hatte er Theures und Vieles gekauft, um dessen Verlust die arme Isaline aus seiner Brust tief seufzete. Denn er hätte nicht sagen dürfen: arme Isaline!

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    um Neid und Eifersucht von sich zu weisen, nur den Verdacht, daß es möglich sei. Denn man kennt die Männer! sagte Frau Landgräfin; und wir sind auch Sängerin gewesen, und schön und jung. Sein disponibles Geld war also erschöpft; und doch stand er und druckste, noch mehr, recht viel zu kaufen, Schmuck und Ringe, die ihn bitter anfunkelten. Der Kaufmann, dem er die leere Börse wies, bot ihm höflich Credit so hoch er ihn wolle. Aber Landgraf hatte Eine Schwäche, Eine starke Seite. Borge nie! Leihe nie! war sein aus Erfahrung geschöpftes Wort. Er schenkte Iedem, der von ihm borgen wollte, so viel er gerade konnte, um als wohlwollender Mann sich keinen Feind zu machen; denn Borger werden Feinde, selbst der Freund meidet den Gläubiger, und auch lieh er nie, und blieb nie schuldig, um immer reinen Tisch zu haben, wie er es nannte. Und so ging denn der arme Mann ohne Gabe für seine Isaline. Dafür kaufte Freudenreich: Stirnband, Halskette, Armbänder, Ringe, Gürtel, mit Iubel ein; nichts war ihm zu theuer, nicht die feinsten indischen Mousse» line und Tücher; und heimlich sagte er nur: schweig, Teufel! sprich nicht: Du bist so spendabel, weil du Alles sammt der Iungfrau wieder erhältst und Alles dein ist mit ihr und an ihr. Du bist der Teufel! Ich aber bin Freudenreich! Apage! — Auch ließ er „die Corveille“ sogleich abgeben, ehe Ja'is noch irgend eine Antwort von Silbermann hätte. Nur die Freude hatte er sich erlaubt, sie vorher seinem Freunde Landgraf zu zeigen, der ihm die Hand drückte.

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          Der Dictator bekielt ihn bei sich. Er blieb vor dem hochroth gewordenen Assessor stehen, blickte ihn lange sehr freundlich, dann mit immer sanfterer Weh' muth an und sprach: Aber eine Sängerin heirathen! nur wollen! Aber Isaline ist ein gutes Mädchen; sie singt blos dem blinden Silbermann zu Liebe so schön und so rührend. Und heirathen wird sie, denn jede Sängerin heirathet gern vom Theater und vom Eon» certsaal weg — in ein HauS, in ein Lebensglück. Tadeln wir keine solche richtige Gesinnung, tadeln wir eher, daß ein Mädchen in ein so flüchtiges, nichtiges Amt tritt, wie das einer Sängerin ist, das gleichsam in der Luft schwebt wie ein ziehend oder stehend Gewölk, das vcm Hauche der Menschen lebt. Aber o Himmel, aus welchem Geschäft hat der Mensch jetzt nicht ein Amt, einen Stand gemacht — selbst aus Singen! Doch, Freudenreich, weißt Du, wen ich Dir gönnte? — Meine Tochter, meine Sabine! Sie wäre jetzt so groß wie Isaline, und zumeist liebe ich das arme Kind des, wegen so; sie stellt mir meine Tochter vor! Als ich sie verloren, da liebt' ich und beschenkt' ich nur kleine Mäd» chen — dann mit den Jahren immer ein Iahr ältere, größere — bis nun jetzt so große und schöne wie Isaline — und in diesem reizenden Traume liegt mir die Wonne: — sie lebt! meine Tochter lebt. Und wenn sie mich dann anblickt — o ich weiß nicht wie, dann trockne ich mir still die Augen, und meine, ja ich fühle: ich habe sie gesehen. O die Welt ist wunderbar reich und glücklich auch für den Unglücklichen und den Armen!

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            Dabei trocknete sich der arme Vater wieder die Augen und blickte so hold vor sich hin, daß ihm Freudenreich um den Hals fiel.
          Schon gut, schon gut! sagte Landgraf. Ich bin nicht Isaline. Aber ich wünschte, ich wäre Sabine, und sie lebte glücklich meine gepeinigten Jahre!
          Guter Mann! sprach Freudenreich.
          Ja! entgegnete Landgraf; ein Vater ist einmal so ein närrischer Mensch. Ich glaube: Ich kann nicht dafür! Und Ich bin nicht so gut. Ich fühle manchmal recht deutlich die fremde Gewalt, die aus mir lebt und in mich hinein. Laß alles gut seyn, und höre lieber unsere Noth, meine Noch! Die Herren Betrauten werden hier bei mir erscheinen. Wir sind heimlich Alle uneins. Hudler hat auf meinem Tische den Prospec« tus gefunden und gelesen: Was ich für Musik will aufführen lassen, und Wer bei der Aufführung wirken soll; und so hat Er sich denn nicht als Flötist weder bei der Schöpfung gefunden noch sonst wo. Gefälligkeiten in der Kunst sind Sünde, und im Leben vielleicht noch mehr! Er wird uns nun hudeln. Er hat aus dem Prospectus geplaudert. Der Cantor will blos neue Musik. Der Stadtmusikus blos alte. Denn Zeder wird nothwendig auch ein Feind seines Amtes, oder will das Entgegengesetzte von dem, was es ihm aufzwingt. So will sich Ieder denn durch den Zwiespalt retten, durch die Doppelheit ergänzen. Die Büreaux sind in Thätigkeit. Jedes für Ein Geschäft des Ganzen. Da war:

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           Die Anordnung,

    Die Zusammensetzung aus Personen,
    Die Interessen der Spieler,
    Die Interessen der Hörer,
    Die Auswahl der Stücke,
    Die Vervielfältigung der Stimme,
    Die Correspondenz;
    oder ein sogenanntes auswärtiges Amt, ein Wohnungsamt, ein Speiseamt, ein Zahlamt: nur Ehrengaben oder Honorare für die Künstler u. s. w. habe ich mir vorbehalten, da über Geschenke keine Quittung gegeben wird, und dabei und bei Präsenten schrecklicher Unterschleif nicht nur hie und da möglich, sondern überall wirklich ist. Die auswärtigen Musikdirectoren wollten ihre Corps in der Musikschlacht commandiren — nun kommen die Herren Verfasser der Stücke und nehmen die Ehre in Anspruch, weil sie am besten wüßten, wie sie ihre Stucke gegeben haben wollten. Ich bin heut durch die Ämter gelaufen. Es ist zum Baukrotwerden, zum Hängen! Denn welche Forderungen machen die namhaften Sänger, doch noch bescheidene; aber die Sängerinnen . . . . unerhörte. Sie wollen alle eine Villa wie die Catalani ersingen mit 25,000 Thalern Rente. Silbermann hat mir gesagt, daß sein Nachbar in Petersburg, ein Deutscher auch, Herr Kratzenstein, einen Sänger erfunden hat — und Herr Warmholz in Eisleben einen sprechenden Menschen, der natürlich sehr leicht ein singender wird; denn die Kinder singen eher als sie sprechen, und die Vögel lernen schwer sprechen, doch singen sie herrlich. Die Sache wird ernst.

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    Das Gefühl macht blos den Sänger, nicht die Stimme, und wie viel gefühlvolle Menschen giebt es in Deutschland; diese also singen durch ihre künstlichen Sänger, die so wohlfeil sind wie — Holz! Und sie bekommen nie den Schnupfen, den Husten; sie sind nicht neidisch, mißgünstig, sie reisen nicht auf Urlaub, sie sind nicht stolz, sie sind stets artig und bescheiden ge» gen das Publicum — und was die Hauptsache ist: sie werden nicht alt und häßlich, verlieren nie die Stimme, und schmälern keinem Andern durch Pensionen die Gage. Vivat Kratzenstein! Vivat Warmholz! Vivat besonders Faber in Carlsruh! Nivant ihre Sänger und Sängerinnen! Ihre göttlichen Soprane, ihre teuflischen Bassisten! Wie hochwirddieMusiknoch kommen und durch sie! 
          Dir schwindelt — der Geldbeutel, Landgraf! sagte Freudenreich. Ich weiß, Du denkst zu edel vom Menschengesang. 
          — — bei Gesang auf dem Zimmer, wo Jeder sein eignes Instrument wird, wie die Amsel im Walde vor Frühlingslust, wie der Hirt im Felde vor Wehmuth des Herbstes. Aber bei Aufführungen ist Spohrs Geige, Paganinis Geige, die Harfe der Spohr, die Guitarre von Blume in Berlin, Silbermanns Flöte — sind das etwa keine Menschen, wenn nicht mit Seele, doch voll Seele! Gehören sie nicht zu seinem Leibe wie jedes andere Glied, wie Kopf und Brust und Auge und Lippen und Herz? Sieht uns nicht Silbermann mit den Tönen seiner Flöte bis in die Tiefe der Seele? Der Mensch selbst ist nur eine Maschine des Erdgeistes,

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    mit der Macht sich wieder die ganze Natur anzueignen, sich dienstbar zu machen, sie zu beherrschen wie, und als seinen riesengroßen Leib! Indeß, so wie die wahren Pferde kaum abkommen werden durch Dampfpferde, so auch wahre selbsteigene Sänger und Sängerinnen nicht durch noch viel bessere Maschinen.
          Jetzt kam der blinde Silbermann von Jaïs geführt. Aber auch Isaline gukte gar lieblich durch den Thürspalt, und war wie der Wind wieder fort. Nach Wen sie aber gelächelt? Der Assessor fühlte auf einmal einen ungeheuren Respect vor dem Vater der Geliebten und dachte, o ihr Väter! welche Respectsperson ist ein Schwiegervater! welche gewaltige mehr königliche Menschen werdet ihr Minner alle, als Herren der Lieblichen, und der erfüllten Liebe! Habt nur alle schöne Töchter! Gott, wäre ich auch doch schon höchstverehrter Schwiegervater . . . oder vor der Hand nur Vater! Das Glück ja wäre zu groß!
          Landgraf fand aber den blinden Silbermann heut überaus blaß und doch sehr aufgeregt. Was ist Ihnen? Was kann Ihnen seyn? frug er ihn. Sie haben ja mit der Welt abgeschlossen wie Sie die Augen zuthaten. Alle Schicksale sind von Ihnen gewichen. Was bewegt Sie noch auf dieses erste, größte? Ich habe mir immer vorgestellt, ein recht Unglücklicher ist nun recht glücklich, oder doch ruhig, und seine Blüthenkrone wird nun zu festen Wurzeln — die im Himmel wurzeln. Nicht?

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          Ach! seufzete Silbermann; das Glück bringt mich nun um! das Recht! der Lauf der Welt, das Herz! Auch aus Güte und Liebe kann man fehlen; das ist so klar, daß es ein Blinder sieht, wie Ihr dankbarer Freund. Alles muß überwunden werden! Dazu ist das Leben. Keinem wird ein Haar erlassen oder gelassen.
          Ich verstehe vielleicht; versetzte Landgraf. So wäre es mir gegangen. Er drückte ihm die Hand. Da aber jetzt die Mitbetrauten kamen, und Nimrods Equipage und Landgrafs Equipage auf der Straße hielten, so stiegen sie ein, um nach der neuerbauten, so eben fertigen Iesuskirche, und dann in das schöne Ruhethal zu fahren.
          Diese nagelneue Jesuskirche lag vor der Stadt, ziemlich einsam, auf einer sanften Anhöhe. Sie bewunderten die äußere Pracht, den Thurm, auf den man so eben die Glocken wand, sie erfreuten sich des einfachen Innern mit bunten, sonneleuchtenden Fenstern, des Altars und der Orgel. Freudenreich gab, als Raumbetrauter, zugenannt Sitzefleisch, jedem Tischlergesellen einen Ducaten, damit sie ja mit den Bänken sich beeilten. Landgraf war zugleich von hoher Stelle berufen, sein Gutachten über die zu übernehmende neue Orgel abzugeben, welche der Meister noch einmal überstimmte. 
          Die Oratorien sollten bei schlechtem Wetter in der Jesuskirche aufgeführt werden. Darum war Landgraf höchst unzufrieden mit ihrer Mißstimmung und hielt sich die Ohren zu und ließ dem Meister sagen:

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    Er solle noch vierzehn Tage, Tag und Nacht, stimmen, oder einen Monat. Landgraf war in der Seele ergriffen. 
          Stimmen! Stimmen! goldrein, und noch einmal diamantrein, o ihr Musiker, rief er. Zu einem fünf Minuten langen Tonstück muß man zehn Stunden gestimmt haben! Da werde ich meine Roth haben mit den tausend Herren Musikanten. Aber keinen Strich lasse ich thun, keinen Ton lasse ich blasen, bis alle Töne vollkommen klingen wie Ein reiner Engelston. Ich habe alle berühmten Orchester Europas gehört — aber so rein, wie das im Tanzsaal zum Mondschein in Wien — so rein nicht Eins. 
          Du wirst Dir Feinde machen! flüsterte ihm der Assessor zu.
          Hol' sie der T . . . . . ! rief Landgraf. Mich wundert nur die Geduld des Volkes. Wer Ehrfurcht vor dem Himmlischen hat, der soll mein Freund seyn. Das Reingreifen und Reinblasen geht dann erst an und hat seine Schwierigkeit. Eine unreine Musik ist wie ein unreines Leben — keins!
          Er machte dann den Entwurf, wie die Musiker auf eine neue Weise aufgestellt werden sollten, während dessen Hudler mit verkappter Schalksmiene lächelnd zu» sah, als habe er schon das Verbot in der Tasche, die Kirche zu dem Musikfest herzugeben. Er gab daher Landgraf freundlich in Allem Recht, als der eifrige Mann rief, als sähe er schon die Schaar der Musiker vor sich: Die Cellisten höher!

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    Wer hört denn die da tief wie im Brunnen gespielten Celli's? die lieben Nasen! 
          Cellisten höher! rief Hudler.
          Schafft die Contrabässe hinaus bis auf Zwei! Ich lobe mir die sechzehnfüßigen, böhmischen Bässe. Die sind klar und haben Gewalt. Die Stümper im Instrumentiren möchten lieber die tiefste Donnerstimme in einen Contrabaß, der alle ihre Sünden bedeckte. Indeß das Volk soll Einen Wiener Riesenbaß sehen!
          Also schafft die Contrabässe hinaus! rief Hudler scherzhaft ihm nach.
          Wir werden aber doch das Doppelconcert von A. Bergt für zwei Contrabässe geben, und seine große wüthende Zahnschmerzen-symphonie; schaltete Landgraf mit halber Stimme ein, fuhr aber laut wieder fort:— Und die wüthenden Thiere, die Blasinstrumente! Zwei Hörner sind zu funfzig Saiteninstrumenten schon zu viel. Und Eine Trompete langt, ein ganzes Orchester todt zu machen, unsichtbar, unhörbar. Und doch soll das Volk eine Discantarie mit sechsunddreißig Trompeten hören. Unter einander, wie Löwen mit Löwen, Hyänen mit Hyänen, Schakals mit Schakals, da mögen die Herren und Frauen Blasinstrumente sich selbst abschlachten, da mögen sie gelten, selbst das Rhinoceros, der Serpent, und die andern Teufel.
          Also die wüthenden Thiere nicht zu Geigen und Flöten und Sängern hereingelassen! rief Hudler wieder komisch genug, denn die Andern lachten.

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            Herr! sprach Landgraf, plötzlich zu Hudlern sich wendend: Was hat Händeln so groß gemacht, oder Gluck, oder die alten, ich möchte sagen heiligen Italiäner . . . . etwa die Blasinstrumente? Oder was macht uns so toll und verworren — etwa nicht die Blasinstrumente?
          Da erscholl auf einmal droben von der Orgel her, mit dem Ton einer durch die Posaune eines dastehenden Engels gegangenen Menschenstimme der Ruf: Hört! Hört! hochgeehrte und bestgelahrte, grundforschende Herren Musikbetrauten . . .“
          Alle standen, schauten hinauf und horchten.
          Da frug der Engel zischend: 
          „Wie richten wir die Musik zu Grunde?
          „Ihnen ist von allen Seiten und Gegenden froh bekannt, wie sich die unübertroffene Gesellschaft der Herren Forscher der unerreichlichen und unerforschlichen Frau Natur constituirt oder selbst verfaßt hat, und welche menschenbeglückende Resultate schon jetzt von ihren Mittagsgastmählern und Abendschmäusen der Erde zugeflossen und auch noch digerirt werden. Das giebt uns Muth! Nun haben jene Herren Naturforscher, zwar nicht die Absicht und Zweck die Natur zu verwirren und zu Grunde zu richten. Sie stehen also weit unter uns. Denn Wir, Wir haben den rühmlichen Zweck, durch gänzliche Untergrabung, Verleidung und Verleitung der Musik, wie sie dermalen componirt und executirt wird, eine völlig neue Musik zu begründen und zu exoliren, wenigstens zu säen, oder

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    wie einen Dattelkern aus der Hand einer Mumie zu stecken, damit sie wenigstens im künftigen Jahrhundert aufgeht als ein wunderbarer Baum, wunderbarer als der bloße Trompetenbaum, Kuhbaum u.f.w., behangen mit allen Instrumenten der Vorzeit, als namlich unserer Gegenwart! Denn meine Herren Musikverderber, Sie selbst sind auf dem besten Wege! und es ist kein besserer Weg zum bessern Neuen, als das Alte ad absurdum zu führen, es vollständig gewähren zu lassen, wie alberne Buben, bis sie durch ihre Schand- und Bubenstücke sich allgemein verächtlich und verhaßt gemacht. Man kann auch ganze Gesellschaften — und der Mensch ist auch ein geselliges Thier — so behandeln, um sie zu künftigen Ehren und Würden zu bringen. Denn in jedem rechten Dinge steckt eine lebendige Wurzel, die, wenn sie in Einem Iahre auch einmal taub abgeblüht hat, oder gar droben erfroren ist, doch in dem andern Iahre, wie blitzdumm und von den vorigen Zweigen nichts wissend, aus ihrer ursprüngli« chen Kraft neue — Musik treibt. Denn wir beziehen hier Alles auf bloße Musik. Unsere Frage ist also: Wie wird die Musik am schnellsten und rechtschaffensten in gänzliche Verachtung und vorerst in allgemeine Nichtachtung gebracht? 
          Die vorgeschlagenen Meinungen sind folgende, welchen wir durch Abstimmung Gesetzeskraft zu geben bitten, damit unsere edle Gesellschaft der Musikpfuscher und Musikverpfuscher systematisch und verfassungsmäßig verfahre und durch einhellige Kraft mächtig werde.

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          Erstens. Alte brave Musiken müssen nicht mehr aufgeführt werden, höchstens an Passionstagen, wo Niemand Passion dazu hat, in Kirchen oder an andern Orten und Tagen, wo Wenige hinkommen. Zugleich müssen neumodische Stücke, Concerte, Bälle, oder tanzende Thee's gerade in denselben Stunden, als Gegen» mittel des Besuchs und als Abwehr des Eindrucks gleich darauf, wie vorher schon eingeleitet werden., Anzeigen geschehen in einfachem Ton; so auch die zur Nothdurft gewordenen Kritiken der Aufführung: „„ein
    bekanntes Meisterwerk, das seit funfzig oder respective hundert Jahren immer noch seinen Werth hat. Aufführung, wie gewöhnlich — vortrefflich, wie unsere Capelle Alles ausfuhrt.““
    Zweitens. Einlegung neuer Stücke, Weglassung der besten, Unterlegung anderer Texte sind von Einfluß.
    Drittens. Es muß Einer oder ein Paar, am besten ein Duzend Componisten gewonnen werden — am wohlfeilsten durch Zuschandenloben — mehre, wo möglich alle drei Monat ein großes Oratorium aus dem bekannten Ärmel zu schütteln; (O der große Ärmel, der große Ärmel, was ist da Alles noch drin!) wodurch die Gattung und der ehrwürdige Meister selbst sich das eigne Grab gräbt. Denn von 3000 vorhandenenen großen Oratorien, und von 7000 Sieben-Worten bleiben gewiß 2000 und 6000 alljährig wenigstens unaufgeführt in Asia, Europa, Afrika und Amerika. Neuholland noch nicht gerechnet.

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    Viertens. Brave Opern und andere Olympien müssen alle Winter, alle Wochen gegeben werden, da« mit sie etwas Erhörtes, nicht etwas Unerhörtes bleiben. Alle Arten der Madam Milder und andere Hauptfrauen müssen in hohe Pension gesetzt werden, damit es gar keine Iphigenien oder Armiden in kolossalem Style mehr gebe und die Brut erstickt werde; so löschen die Gluck'schen Opern aus! Viel gewonnen! Die Mozartschen folgen dann im Einschlafen, denn selber den Don Juan hält in unserer Zeit zumeist nur das noble Sujet und die, nach Schillers amplificirtem Wort, zum Laster hinzugemalten Herren Teufel à Stück 1 Rthlr. pro letzte Scene. 
          Fünftens. Musik muß überall aufgedrängt werden; in allen Gärten, auf allen Gassen, bei allen Festen. In allen guten Gesellschaften müssen die Töchter vom Hause ein paar Stunden singen; wo möglich noch die Mutter und Tante, damit Langeweile und Überdruß mit den Personen die Sache abscheulich macht, Musik und Autor und Tod und Teufel, Torte und vortreffliches Ananaspunschgefrornes. Alles muß gähnen, sich ärgern, das Ende wünschen — und dann folgerechtermaßen daheim die Musik vernachläßigen, verwünschen und, sobald es nur seyn kann, verachten. Denn es schiene unmöglich, daß Weiber und Mädchen und Herr vom Hause bei den Feten, die er selbst giebt, sich selbst so zum Skandal durch den Vortrag seiner paar eingeplagten Musikstücke macht, wie er bei Andern daran genommen. Aber es scheint nur. Jeder ist blind über

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    sich selbst, und die Seinen, sein Hauswesen und Unwesen — und Staarstechen ist gefährlich und bringt für das Auge » so Ducaten nicht Jedem ein Rittergut ein, noch den Adel. Daher ...
          Sechstens. Die Musik muß auf Reisen geschickt werden. Ein viel Subjecte fassendes Thema. In alle Gesellschaften, Bäder, Messen und Garten und Häuser und Gartenhäuser. Sie muß statt silberner Löffel, Mes, ser und Gabeln, oder noch mehr Geräusch bei den Tafeln machen, und während Einer einen Fasan verzehrt, und Einer eine halbe Flasche Champagner hinunter nippt, muß die Musik eine bloße hörbare Tapete seyn, eine Ouvertüre nur eine von fern klingende Tropfsteinhöhle, in die man gar nicht hineindenken mag von Fasan und Champagner hinweg — der Ouvertüre der Tafel! So müssen Böhmen, Tyroler und Leierkasten sich erst um das Leben leiern; zuletzt müssen selber bessere Künstler sich dabei hören lassen —um nicht gehört zu werden, höchstens mit Geduld, wie unhörbar, ja verwünscht. So ist der stehenden Musik die Grube gegraben, denn die Nichtachtung und Verachtung, welche man an der wandernden, ja vornehm reisenden gelernt hat, und gewiß tüchtig, die wird auf die geschickteste stehende Truppe übertragen. Jeder Wirth muß glauben, die Leute haben keinen Mund zum Reden und Essen, und nur rechte große Ohren, um das Schariwari zu fassen. Wenn man aber satt haben wird nur einen Groschen Eintrittsgeld für die Musik auszu» geben, dann wird man sich auch die Musik sogar nicht

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    mehr gefallen lassen. Und allerdings werden viele blos gut angezogene aber nicht gebildete Menschen, wozu dann das schöne Geschlecht gehört, gegen eine, oder bei einer seelenvollen Musik zu hölzernen Stativen und Puppen; denn in der That, welche Herzen sind fähig, solchen Tönen und Geisterklangen, wie die Musik spricht, immer geistreiche Worte und Gespräche, wie Recitative, unterzulegen, die der Musik werth wären? Also achten sie, dann, lieber nicht darauf und treiben Allotria, selbst lockere Reden und lüsterne Scenen, wie Don Juan bei der himmlischen Menuett in der dreifachen Musik in der Bauernschenke und beschwatzen allerhand Zerlinen unter dem rauschenden Himmelsmantel der Töne. Aber auch nach jeder schönen Oper — inclusive der schönen Sängerin und reizenden Ballettänzerin — und nach jeder Passion hat jedermann sein Leid an seiner Frau zu Hause, und auch jede Frau an ihrem Manne, an den hölzernen Tischen und lärmenden Kindern; denn sie finden Alles zu Hause wie steinern und hölzern aus den Wolken gefallen, sie vermögen nicht so fort zu leben und zu fühlen und aus solchen Gefühlen ihr Leben zu bewalten, wie sie sich und Allee in der schönen erhebenden Musik empfunden und empfangen haben. Ein Grund mehr für die Meisten: zuletzt selbst noch die, verhältnißmäßig, gute edle Musik zu verbannen und zu vermeiden, je nachdem sie inne werden: woher ihnen das Mißbehagen in ihrem jetzigen — dis heißt nichstkünftigen — faden, dürftigen Zustande kommt, und das grobe Wesen der lieben Ihren, nämlich nicht

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    von diesen und diesem allen selbst, sondern von dem zarten, alle Sehnsucht, alles Tiefe und Große und Edle und Schöne aufregenden Wesen der zu verabscheuenden Musik! Geseilter, unwürdiger Kunstgenuß ist keiner, ja eine Last! Und so wird nur für ein besseres Leben, nämlich hier unter uns, die Musik aufgehoben, die volle schöne Musik wird erschallen in vollem schönen Leben!

    Das Letzte wird bis dahin seyn, daß man der Rarität wegen bloß die besten paar Tacte aus hundert Tonstücken giebt, z. B. aus der Schöpfung nur: wie es Licht wird ohne vorhergegangene Tonfinsterniß; noch läßt man etwa die Sonne aus U-ckur aufgehen, und den Mond aus L— dann hat man die Schöpfung! u.s.w., u.s.w, u.s.w. Diese Methode muß endlich bis auf den einfachen Ton, das große C zurückführen, aber aus welchem, wie Amor aus dem Ei, wie der die neue Welt sich entfaltet. Man kann diese Methode auch auf die übrigen Künste, ja Wissenschafte,: anwenden, wie verlauten will. Selbst der Krebs wir» geheilt durch Zurückbilden desselben ins nicht Lästige.
           Aber der Herr Calcant hat mich schon zweimal gezupft. Er Flegel!
          Die Musikbetrauten standen noch lächelnd, und sandten hinauf nach dem Sprecher. Selbst der Assesssor kam herab und versicherte, Niemanden entdeckt zu haben.
          Der Stadtmusikus freute sich; denn so etmas war Wasser auf seine alte Mühle. Der Cantor Petershahn

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    aber wollte den Verächter derb züchtigen, wenn er ihn hätte. Allen blieb die Rede im Herzen stecken, denn sie wollten noch hinaus in das schöne Ruhethal. Auf dem Platze betrachteten sie noch einmal die Kirche, als ein durch Trunk verwüsteter Mensch bei Hudlern vor» beistrich und ihm sagte: Ich verlangte nur 5000 mehr für tiefern Grund zu der Jesuskirche. Nun steht sie auf Lehm! Auf Sand stehen die Kirchen! Ich lache, wenn sie einfällt — und da lache ich nächster Tage — sie ist elend gebaut. Ich war der Mann! Der Lump war ein Lump!
          Hudler wollte ihn arretiren lassen, damit er beweise, was er sage, oder seine Schläge bekomme. Da lief er fort, rannte den blinden Silbermann um, und darüber entkam er lachend.

     
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