Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel VII.
     Das Gastmahl

     
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           Das sind die Männer, die mit Himmelsgeistern
           Als Geister einsam in der Brust verkehren!       
           Da sitzen sie! ein Zauberkreis von Meistern,    
            Die wissen: Wen sie in den Andern ehren.          

           Freudiger Lärm unzähliger Kinder aus den Straßen und auf dem Markte, an welchem Landgraf wohnte, lockte ihn ans Fenster. Er ward über und über roth und glühte vor Überraschung,

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    als er auf einmal viele, viele Frachtwagen, wie wunderliche, mit Tüchern behangene Ungeheuer, alle voll Baßgeigen, Celli's, Violinkasten, wie junge Fruchtbäume wohl eingepackte Contrafagotte, Fagotte, Trompeten, Hörner, Pauken und Trommeln, ja auf dem einen Wagen ganz allein die große Pariser Heerpauke erblickte. 
          O Vaterland! sagte er laut, wie viel hast du, nur schon in dieser Gattung! Wie viel ließe sich aus deinen Schößen, aus deinen lebenden Menschen zusammenstellen! — 
          Er weinte vor Freuden, zog den Rock an, als müßte er fort. Aber er blieb. Denn er sähe, wie die Begleiter der Wagen an der aufgerichteten Säule, die ihnen die Kinder zeigten, lasen: Wohin die Instrumente zu bringen seien; wohin die Geiger, Flötisten, Trompeter und alle andern Personen. Wohin die Sängerinnen und Sänger zu gehen hätten, um ihre Wohnung angewiesen zu erhalten. Wohin die Meister und Directoren. Er sahe mit Freuden, daß die vornehmsten Männer der Stadt, ja selbst Frauen die Gäste begleiteten, und wie vergnügt sie waren, wie herzlich froh, wie in Jerusalem zum Fest einst angekommene Juden und Jüdinnen. Alle, so müde sie von der Reise seyn mochten, gingen rasch, wie die Leute auf der Dresdener Brücke, wo jeder gern flink, geschäftig, benöthigt erscheinen will vor der Menge. 
          Auch waren Alle zu dem gesetzlichen Tage eingetroffen. Das bedeutete ihm allgemeines Interesse.

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    So mußten auch die Hörer, die Freudennehmer kommen, wie die Freudengeber! Und ob er gleich überschlagen Halte, wie viele Instrumentisten und Sänger jede Stadt ohne um die zu der laufenden Zahl örtlich bedurfte Zahl sich zu berauben, abgeben konnte zum allgemeinen Fest, so erstaunte er hoch über die Heerschaar, die Wien gesandt hatte, Linz, Salzburg, München, Stuttgardt, Carlsruhe, Baden, Augsburg, Regensburg, Würzburg, Nürnberg, Bamberg, Anspach, Baireuth, Prag, Dresden, Breslau, die zwei Frankfurte, Berlin, Stettin, Magdeburg, Braunschweig, Dessau, Leipzig, Gotha, Weimar, Erfurt, Jena, Halle, Halberstadt, Hannover, Lübeck, Hamburg und Bremen, Münster, Cassel, Düsseldorf, Elberfeld, Wesel, Köln, Bonn, Coblenz, Zweibrücken, Speier, Mainz, Darmstadt, Aachen und Worms und alle die deutschen Städte. Er mußte hinunter unter die lieben Menschen. Und ihm war so wunderbar, so wohl unter ihnen. Ihm war so alt und seltsam zu Muth, als wäre er in Griechenland vor Troja, oder als hätte er den Schiffskatalog und den Kämpferkatalog von Homer gelesen, und dieser so gewöhnlich-langweilige Gesang der Iliade erhielt ihm einen Werth, wie er ihn lebendig vor Augen sah, und in alle den Menschen an das Herz hätte drücken mögen. 
          In weniger als einer halben Stunde waren Wagen und Menschen verschwunden, wie Napoleons Garde, und er sahe, wie die Jedem lieben Gäste an den Händen in die Thüren der freundlichen Wirthe gezogen wurden. Die Prinzen von Geblüt, Marschälle und

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    Generallieutenants der Musik aber ging Landgraf höflich zuerst zu begrüßen, dann die Primadonnen und Primo-Uomo's und die Virtuosen. Er kam aber nicht weiter als zu dem Glück bringenden vierblättrigen Kleeblatt der Deutschen, den vier wunderbaren Brüdern Müller. Sie saßen bald tief im Gespräch. Wem ich alle meine Bildung verdanke, sprach Landgraf, theure Herren, rathen Sie! Bildung nenne ich aber ein weiches gefühlvolles Herz, das Stimmung hat mit dem heiligen Geist der Welt, denselben Klang wie die blaue Himmelsglocke. O wem verdanke ich das schönste Leben auf lebenslang — nun? . . . . Den Quartetten von Haydn! Ihm, der keinen Vorgänger hat, als höchstens den Boccherini, und keinen Nachfolger, aIs höchstens Mozart, oder Beethoven, die alle so wahres Quartett aber nicht geschrieben. Welche Seeligkeit muß der Meister gefühlt haben, solche Wunderwerke zu schaffen! welche Seligkeit muß er immer zuvor und Zeit Lebens genossen, besessen haben, ja sie selbst gewesen seyn! Den Streit über den Vorzug der alten Musik löse ich leicht in Nichts. Die alten, musikarmen Griechen hatten keinen Haydn, das heißt: keine Harmonie, keine Accordenfolge, kein solches Geistergeflecht — und so haben wir Etwas, was, so viel wir wissen, nie zuvor auf Erden gewesen, nie schöner seyn wird! Wohl zu merken aber: Haydn's Erste Sätze seiner Quartetten müssen, wie ich aus Hensels — Haydn's Thürstehers — Tradition weiß, alle noch einmal so langsam vorgetragen werden, als es gewöhnlich geschieht, so, daß ihn bei schnellem Tempo

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    derselben Salieri einen Harlekin nennen durfte! Das Quartett ist die hinlänglich vollkommene Musik, auf die vier Register der Menschenstimme gegründet — und giebt es etwas Vollkommeneres in der Natur als Ihre Quartetten, meine theuersten vier Brüder! so ist es ein Quartelt von vier Menschenstimmen! Das ist das Höchste. Instrumente ahmen nur nach — aber darin besteht die Kunst. Darum seelig sind Sie. O quam formosum, si fratres etc. 
          Als Landgraf nach Hause kam, fiel ihm sein Freund Johann Schneider, in die Arme. Orgelkönig, rief er; ohne Dich war Nichts!
          — Rink ist auch da! sagte Schneider.
          Du Bescheidener! Aber herrlich, daß Ihr da seid. Die Orgel ist ein Musikreich für sich, und darin bist Du König. Wenn ich Dich spielen — sah, war mir immer, als wäre der Engel Uriel erst wahr und wahrhaft geworden, da er vorher kaum existirt hat; Du bist das Original dazu.
          Laß gut seyn! Laß gut seyn! sprach der holde, schöne Mann. Laß uns von alten Zeiten plaudern und von unsrer Musik.
          Und so saßen sie bis in die Nacht. Und was sie geplaudert, ward am folgenden Mittag zum Theil schon öffentlich.
          Jaïs und Freudenreich waren seine Gäste gewesen und begleiteten den Orgelbeherrscher bis vor die Hausthür, als sie ein Mann — aus Hamburg — wie er sagte,

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    mit seiner Frau um Quartier bat, ob sie gleich zumeist in das Bad gekommen wären.
          Jaïs bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen und ging zur Seite.
          Landgraf frug ihn.
         Gott — mein Weib! meine Braut, meine arme Clementine, mein wahnsinniger Violon! sagte er bebend.
          Du trittst ein Zimmer neben Deinem Wohnzimmer ab, raunte ihm Jaïs zu, und führte sogleich die Gäste hinauf. Jaiis riß die nöthigsten Sachen aus dem Zimmer ins Nebenzimmer, verschloß die Thur und blieb noch mit dem Assessor munter.
          Nach manchem Gespräch der Theilnahme und der Pläne hörte der Assessor nun auch durch Jai's seinen Bescheid von Silbermann. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, Freund in Noth, welchen Eindruck mein Gesuch für Sie auf den einfachen, edlen, armen Mann machte. Bin ich noch nicht arm genug? frug er. Bin ich so lange zu reich gewesen? Ja wirklich. Aber ohne Schuld. Kann ich Isalinen vergeben? Sie gehört mir nicht. Nicht mir. Ich habe sie gerettet aus großer Gefahr. Ich frug das arme Kind wie es heiße — und . . . „Isaline“ verstand ich. Ich ward krank von Erkältung. Meine Augen waren schon halb verloren. Wir Körten und erfuhren in unsrem Leiden nichts von der Welt. Ich war gesund, aber blind! Da starb meine Schwester auch! Ich hatte Niemand! Ich ließ dennoch das theure Kind in die Zeitungen setzen, und zitterte,

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    daß Jemand komme sie holen. Aber es kam Niemand. Wahrscheinlich waren ihre Eltern umgekommen. Ich fuhr an den Ort; ich hörte: das Haus ist eingestürzt. So behielt ich sie! So ist sie erwachsen. So ward ich ihr Vater. Vater ließ ich mich von ihr nennen, damit sie das schöne Gefühl der Kinder habe, das ihnen die Erde zur Heimath macht. So ist sie groß geworden. Ich habe sie singen gelehrt. So habe ich sie mit der Flöte groß und schön geblasen; sie hat mich älter und mürbe gesungen. So sind wir hierher in das Bad gereiset. Lasset mir Zeit, ihr Menschen, gerecht zu seyn; lasset mir Zeit, mich in eine Zeit zu fassen, wo ich ohne mein Kind bin, ach, ohne ihre Liebe und Güte!
          So wollen wir ihm denn Zeit lassen! sagte der seelengute Assessor. So voll ich mir Isalinens Besitz denken kann, so voll kann ich mir ihren Verlust denken.
          Wenn sie nur nicht Isaline hieße! meinte Jaïs, dann hätte ich meine Gedanken. Aber wie schwer möchte auch außerdem die Wahrheit zu ermitteln seyn!
          Was meinen Sie? frug der Assessor.
          Ich meine nur! Zu dem „Was“ bitte ich mir auch Zeit aus — zu Jemandes Glück. Gewinnen Sie nur fürder ihr Herz! Sie hat den Schmuck angelegt . . . . o, wie sie schön war, wie sie dankbar war! Sie hat aber mir gedankt für Sie.
          So ging der Assessor vor Freuden denn gar nicht zu Bett. Am Morgen ergriffen ihn tausenderlei Geschäfte wie mit Zangen, bis er endlich seinen Freund Landgraf zum Gastmahl der Musiker abholen wollte,

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    und noch allein in den Saal gehen mußte, da der Dictator noch, wie vor einer Schlacht, in tiefen Gedanken saß. Als er endlich vor dem mächtigen, Eßsaal ankam, ergriff ihn noch der Kaufmann Schönknecht unter dem Arm. Herzensmann, sprach er, welche Freude haben Sie mir bereitet! Kommen Sie gefälligst nur ein Augenblickchen an die Thür der Galerie, um meine Tafel, mein silbernes, krystallenes, klapperndes, klirrendes Hufeisen anzusehen!
          Und so folgte er ihm.
          Und während Schönknecht vor innerer Gnüge schwieg, sah auch er den Fröhlichen zu. Sehen Sie nur gefälligst dort die Tafel voll Tondichter! Als wenn sie alle hier am Tische geboren und erzogen wären!
    Dann die vielen schönen geputzten Sängerinnen — —
    als wenn sie hier geboren und erzogen wären! — —
    und die zahllosen Musiker — alle wie hier geboren und erzogen! Als gäbe es keine Thür in der Mauer! als säßen Alle in vierzehn Tagen nicht in allen Weltgegenden! Landgraf! ich verspreche Euch — Frau und Kind habe ich nicht — ich will mein Geld nicht mehr sparen! Und wie wendet man es am dankbarsten an? — Zu essen muß man geben, delicat! und zu trinken, noch delicater! Und alles aus schönen Gefäßen, auf den feinsten Tüchern. Menschen! möchte ich laut rufen, da jch die Herren und Damen durch meine Wenigkeit so vergnügt sehe Menschen! gebt Gastmähler! splendide! Thut Euch Zehn oder Zwanzig zusammen,

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    gebt ein Gastmahl! Ich kann vor Freude nicht essen! kein Tropfen Wein gienge hinunter. Mir ist die Kehle wie zugeschnürt. Und die Ehre, daß solche Munde meinetwegen sich so bewegen, — was man so gemein kauen nennt — — daß meinetwegen die Lippen der schönen Sängerinnen aus den Kelchen in ihre kostbaren Kehlen den besten Tokaier, wie Nachtigallen hinunter flößen — ich möchte springen, zerspringen, ich muß Eine heirathen aus purer Dankbarkeit für Alle. 
          Da hatte man Landgraf bemerkt, den imponirenden, kräftigschönen Mann mit herrschenden Augen. 
          Der Dictator! Der Dictator! riefen Alle. Und wohl zehn Meister kamen, ihn an ihren Tisch zu holen. Alle waren aufgestanden, er hatte Alle mit Einer herzlich-ehrerbietigen Verneigung begrüßt, und da saß er am Tische, an seinem für ihn bewahrten Couvert. Einer nannte den Andern im Kreise herum, und so war er zu Hause, mehr zu Hause als im Himmel, wo keine Orgeln, Flöten und Baßgeigen sind. Hier wollte er seyn. 
          Indeß! Es fielen darauf von allen Seiten gar manche leichte und schwere Worte, Urtheile über Todte und Lebendige, Abwesende und Gegenwärtige, so daß gar Mancher seinen jüngsten Tag hier am Tische erlebte, und sich im Innern zu den Böcken oder Schafen stellte. Ieder aber setzte auf sein Wort ein tüchtiges Glas Wein, gleichsam als Trumpf oder Schwur, darauf, und war dann wieder freundlich, ja viel freundlicher.

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          Dictator, sagte Einer, Wir haben vor Euch 'einen gründlichen tiefen Respect gehabt — eine gewisse Scheu und Furckit, denn Ihr steht in hohem Ansehn der Kunst und Wissenschaft und spielt die Harmonika meisterlich. Und so fürchteten wir, daß Ihr kein Concert durchlassen würdet, als bloße angewandte Musik; und so manches Andere nicht. Aber Ihr seid ein Mann, der im Leben lebt, und Ihr lasset Alles gelten, und wißt Alles mit Eurem Überblick und Eurer Beherrschung an seine Stelle zu stellen. Das lehrte uns Euer Prospectus! Ihr wollt dem Volke das Angenehme geben. Alles, aller Art. Das alte oft gesichtete und geworfelte Gute, das mittle sich haltende Gute, und auch das neue und neuste: denn alles Neue und Letzte erscheint als das Beste, und hat den Reiz der aufgehenden Sonne. Ja, auch Haydn's Jahrmarktssymphonie mit Kukuk, Brummeisen, Schnarre, Klapper, und allen Kinderinstrumenten, habt Ihr nicht ausgeschlossen — Ihr sollt leben! Ihr seid ein Mann. „Freude und Rührung“ das sind die zwei Angeln der Musik, und so sei auch Herr Strauß ohne Federn begrüßt, mit seiner Brut von achtundzwanzig Jungen! Jedes Instrument soll vorgeführt werden durch seinen Meister. Ja, dort drüben der dreiarmige und dreihändige Engländer Herr Edfort, soll und wird ganz unnachahmbar ein Concert von unserm lieben Pianisten und Fortisten Hummel spielen! Ihr wollt auch zeigen, was alle Instrumente zusammen vermögen, ohne Worte — Ihr gebt Symphonieen nicht nur vom halben* — dem jüngern Beethoven

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    — sondern auch die Letzten von dem Ganz wahnsinnigen, deren Länge die Langsamkeit der chinesischen Musik darstellt. Ihr verschmäht die Oratorien nicht, obgleich Keines eigentlich einen Werth hat, das erzählt, wie das Stabat muter! es stand einmal eine Mutter — die also unmusikalisch sind, selbst bis auf das Bewunderte: und es ward Licht, statt Gott spricht: „es werde Licht“ — und es wird Licht. Lyrisch, lyrisch, dramatisch, aus dem Kern des gegenwärtig fühlenden Herzens, muß alle Musik seyn — oder sie ist keine, und das noch fehlende Oratorium: die drei Männer im feurigen Ofen, hat tausendmal höheren Werth, als Händels Messias, die Ausführung vorbehalten. Daher sollte solche Musik invisis gegeben werden, oder in Costümen, als Mysterium, als heilige Oper, die uns noch fehlt, denn die teuflische haben wir schon. 
          Einer schrieb sich wahrscheinlich den Titel: „die drei Männer im feurigen Ofen,+++ldquo; in seine Schreibtafel. 
          Ein Anderer frug: was in aller Welt sollen wir noch componiren? Wo geht der Weg der Musik nun hin? Und so zehn, zwanzig Fragen und Antworten. Endlich bat Landgraf um das Wort und sprach: Erlauben Sie mir in dieser wichtigen einzigen Stunde vor alle den fruchtbaren lebenden, strebenden Geistern ein Wort. 
          Reden Sie! riefen Alle. 
          Nun so erlauben Sie mir zu sagen, sprach Landgraf:
    Musik ist die Kunst der Deutschen!

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            Er bewies das mit schlagenden Gründen, die sogar oft belacht wurden. Dann fuhr er fort: Also! Die Musik ist die Kunst der Deutschen! 
          Aber glaubt Ihr denn, die Deutschen haben diese ihre Musik, diesen Weltschatz, umsonst — und koste ihnen gar nichts als die Mühe des Aufschreibens, des Druckens und Abgeigens, Ablesens und Absingens? Oh, laßt mich nicht weich werden — die Musik kostet den Deutschen die Welt — die schöne alte kindliche Welt, das Paradies und die Mythenzeit, die heroische Zeit, ja den christlichen — Köhlerglauben. Nur weil die Deutschen nach der untergegangenen alten Welt leben, so spät, auf den Gräbern der heiligen Alten, weil sie eine Vergangenheit haben, welche die Alten nicht hatten, haben sie die Musik, welche die untergegangenen Völker nicht hatten, welche dafür die ganze Welt noch ganz und ungestorben und unbegraben besaßen, oder zu besitzen glaubten. Die Musik, unsre deutsche Musik kostet die Erde — Meere von Thränen, Meere von Blut! Denn daß die Ruhe, dieBehaglichkeit des Lebens, die nothwendigste Befriedigung der Be« dürfnisse desDaseyns erworben und befestigt worden — daß der Mensch eine Hütte, einen Standpunkt hatte, von wel« chem er die untergegangene Welt überschauen und das neuwunderbar durchbrochne Gewölbe des Himmels an» staunen konnte — ehe er einen stillen Ort für seine Trauer, einen stillen Ort für seine Sehnsucht erworben, das kostete ganze Geschlechter. So hat ein Tagelöhner, der täglich auf die Arbeit gehen muß, nicht Zeit,

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    seine gestorbene Mutter sang aus zu beweinen, oder an seine Kinder, wie sich's gehörte, zu denken — denn ihm fehlt das tägliche Brot! Der Bemittelte aber hat durch sein Erworbenes Muße zu seinem Schmerz, und darf nicht hungern, auch wenn er, sein innres Leben allein einige Zeit verwirkend, einsam vor der bekümmernden Welt sich verschließt. Auch dazu ist ja Speise und Trank, das Haus und die Güter, daß sie den Menschen einen Menschen seyn lassen, nicht blos ein immer gequältes vernünftiges Thier, nur unglücklich durch sein Herz und seine Vernunft, nicht auch glücklich. Damit nun die Deutschen die Musik zu ihrer Kunst machen konnten — dazu muß Cheischna verschollen seyn — alle Mährchen mussen wie Duft der Frühlingsblumen mit dem Frühling der Erde gezogen seyn — die Mumien müssen schwarz und stumm in ihrer Leinwand schlafen und Apvthekerwaare seyn; die Pyramiden müssen nicht einmal mehr Gräber seyn, sondern sie müssen blos als Beweise voriger Menschen in diese Zeit heraufragen — die Hügel in der Troas müssen Windmühlen tragen und alle Mythen noch sichtbar übrig darstellen, wie Fußböden von Mosaik aus dem Meergrunde zur Zeit der Ebbe rührend gespenstisch auftauchen — Sokrates und Plato müssen gestorben und begraben seyn, und Niemand muß wissen wo. Christus muß gestorben und begraben seyn, Maria muß begraben seyn, und selbst ihr Gebein muß verduftet seyn, daß Niemand weiß wohin. — Selber alle Griechen müssen Geister geworden, Geister gewesen

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    seyn und der Nabel Athens, die Burg mnß nur zeugen von ihrer einmaligen Erscheinung auf Erden — das Forum in Rom und Hadrian's Grabmal muß in ein Gerüst zum Feuerwerke des heiligen Paulus und Petrus verwandelt seyn — die Peterskirche herabgesunken zu einem Sündenberge, und das Alles mussen die Deutschen sehen, wissen, fühlen, begreifen, und doch unbegreiflich finden, und mit Geisterhänden über die Erde nach Rettung hinauf langen aus der großen Todtenhöhle der Welt — und die Erde muß nur, wie für Puppen, das Bretchen seyn, damit sie stehen, nicht umfallen und weinen und sehen können, und das Herz muß über die Vergangenheit und die vergängliche und doch unsterbliche Welt erwacht seyn, und die Seele muß ihre unsterbliche Schöne und Liebe lieben und selbst die unsterbliche Schöne und Liebe seyn — und nun kann Gluck Iphigenia componiren, Hayd'n die sieben Worte nachsingen und die ganze Schöpfung und die Iahreszeiten — und über die Welt, die nachempfundene Welt in den Klängen und Gesängen selbst muß Beethoven wahnsinnig werden, und mit der eignen Kraft der Liebe und des Schmerzes zu dem Drange und der Größe des Wahnsinns im Busen — diesen weltenschmerz-trächtigen Busen ausschütten und aussprechliche — unendliche Symphonien donnern aus A, oder aus C-moll. Aber weiter kann kein Mensch! Als zur Treue der Liebe den Wahnsinn fügen, und nun muß die Musik — die Weltsprache, das geheimnißvoll ausgesprochene Geheimniß der Welt versteinern und still stehen

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    — oder die Herzen müssen von nun an ergeben und erhoben zu schöner menschlichen Ruhe zurückkehren, und wenn nicht Hirtenlieder schreiben und singen, doch — Haydn's einfache, klare, tiefe Quartetten worin der Schmerz schön ist — die Nacht licht, und die Trauerentzückend, und die Ruhe göttlich, das heißt menschlich. Haydn war kein Übermensch wie Louis, aber ein Mensch für Iahrtausende, und vor dem Ende der Welt wird man ahnungsvoll sein Chaos rückwärts wiederspielen und die Erde und das Menschenleben schließen mit dem großen tiefen C, worein sich alles zurück gezogen hat, wie Saft der Eiche in ihre letzte Wurzel. So haben die Deutschen die Sprache erfunden, in der man zu Gott und zum Himmel reden kann, so tief er ist, und so verständlich für jedes Herz, daß sie die Gestirne, Sonne und Mond verstehen müßten, wenn sie Ohren hätten zu hören und ein Herz, ein Herz der Welt, dazu. Es ist aber genug, daß die Wahrheit klar gesagt werde; daß sie nicht gehört, nicht verstanden wird, sind die Deutschen gewohnt, und gehört nicht zur Frucht der Wahrheit. Die Stimme der Wahrheit ist die innere Überzeugung, und ihre Ruhe ist ihre Frucht, das schönheitvolle, weltfähige Herz. Die Wahrheit ist die Frucht und das Glück der Welt, und die Frucht bedarf wie die Ananas keiner herausgedrehten Krone, die nur wieder ein neues Ananaskind gebiert, keine andre Frucht, und nicht hindert oder fördert, daß die Mutterananas selbst kostlich, saftig, labend und die herrlichste Frucht sei. Das wissen die Deutschen.

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    Sind also alle Schicksale des deutschen Volkes umsonst getragen worden von denen, die darüber gestorben und danach? — Mit nichten! Haben sie keinen Sehnsuchtreiz im Herzen des Volks zurückgelassen: das Leid an den Himmel zu knüpfen, die Natur, das Schicksal und die Welt auszugrübeln und ihre Geheimnisse klar zu sehen — wenn auch als Geheimnisse? Mit nichten! Haben sie es nicht gelehrt: das ersehnte, hier unten versagte Leben dort oben, dort irgendwo zu sehen, zu glauben — das Leid in jene seeligen stillen Gefilde hinaus zu tragen — und den Reiz jener ewig stillen hohen Welt, den Himmel aus den Geistergcfilden herniederzuziehen bis in die paar Darmsaiten einer Geige, geschweige in alle Deutsche, und durch sie in aller Menschen Herz? Haben sie nicht noch mehr, ja das Höchste und Letzte gethan: durch jene hohen Gefühle das Irdische zu weihen, göttlichen Reiz des Himmels der Erde und den Menschen zu ge, den? Und indem sie dies gegeben, das Himmlische mit dem Irdischen in Eine große Schönheit zu verschmelzen, in Einen Menschen, in Eine Seele! — Tadle mir Einer noch das Schicksal der Menschen auf Erden, oder des Deutschen, oder Einer Seele, und ich spiele ihm ein Mozartsches Quartett vor — und den Kerl muß der Teufel holen, oder er muß ein Engel werden! Geschieht nicht im Himmel, was da im lumpigsten Winkel des lumpigen Deutschlands geschieht? Ist der Winkel nicht der Himmel? Werden die Blumen vor den Fenstern durch die Klänge nicht selbst in den Hirnmel getragen,

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    selber der zerrissene Stuhl und das Dreierlicht in dem Winkel mit in das Geistergefild — und der Teufel nicht? Aber Gott sei Dank! die Deut» schen sind keine Teufel — sondern — denn sie haben die Musik und Alle haben ein Herz dafür — denn diese Kunst kam aus allen ihren Herzen, aus allen Tagen, nicht aus Einem oder einem begrabenen Kleeblatt, das da in seinen Blättern hieß: Haydn, Mozart, Beethoven — und der Stiel: Gluck! Deutschland ist eine Wiese voll süßen, duftenden, rothen und weißen Klee — von dem da geschrieben steht: prüfe mir den Klee! Wir Deutschen mußten die Letzten seyn, um die höchste Kunst hervorzubringen! Und so gönnt den Todten Jeder in Ägypten die Baukunst — dem todten Griechen die Bildhauerkunst — dem Italer die Malerkunst und aller Welt die Dichtkunst. Denn Ihr habt die Kunst aller Welt und fortan aller Menschen: die Kunst der Musik! Und ihre schönsten Werke dazu: die Pyramiden, die großen Götterbilder, die Ödipe, die Homersgesänge, die Italischen Bilder und Haine — Alles ist wieder erwacht, wieder hergestellt, übertroffen, in den Spiritus der Welt gesetzt, und lebt als Hauch — als Musik! Spirat adhuc amor! Die Alten hatten Nichts von unserm Herzen — Wir — wir brauchen sie nicht. Hätten sie gekonnt — wären sie die Gemüther und Geister der Nachwelt gewesen — die Griechen hätten die Musik aus sich herausgedrängt und gebildet wie die Göttergestalten! Aber sie hatten einen ehernen verschlossenen Himmel und eine blühende Gegenwart um sich

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    — vor dem Griechen lag noch nicht Griechenland in wehmüthig reizenden Träumen — vor Achilles Auge stand noch nicht sein Hügel — die alte Welt, das Kötterkind, hatte noch keine Seele, keine Sprache, es lachte ihnen nur zum erstenmal, und sie hatten ihre jungfräulichmütterliche Freude daran, und eben weil sie in sinnlichen Dingen so klar und groß waren, waren sie in den Gedanken und Gefühlen über die Welt so eng, so kindlich mit Mährchen zufrieden. Brutzellen der Musik aber waren die Mönchszellen mit den darin einen schönen Frühling anschauenden Drohnen. Ein Menschenkind wird ¾ Jahr geheimnißvoil getragen — ein Götterkind 3000 Jahr. Was lange wird, wird gut. Also auch die Welt, die Musik. Die Welt der Musik und voll Musik in — Einklang. Die wahre Musik ist höchstens so alt als Luther, und im Zerreißen des alten Schleiers der Welt ist sie geboren; der Mensch steht nüchtern in nüchterner Welt, aber mit dem alten, ja dem ewigen Herzen, mit der alten, ja ewigen, aber nun aussprechlichen unaussprechlichen Klage, unter der Sonne am Tage, und Nachts unter den Gestirnen, und seinen Schmerz erkennt er als Seeligkeit, seine Sehnsucht als das überschwenglichste Glück, immer mehr und höher als die von Seeligkeit triefendste Welt; das Unnennbare nennt er geheimnißvoll und doch verständlich und getroffen, er entglüht nur in Sehnsucht, uno die schönen Gestirne flammen hell und heiß darin — die Welt hat ihr Gemüth offenbart, und wer Gemüth hat, der ist die Welt, seelig wie sie,

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    ja uber die Welt. Also Dank, heiligen Dank! — Dieses Glas dem guten Geist! 
          — Sie Alle verstehen mich, sprach Landgraf und drückte dem Orgelbeherrscher die Hand. Und so haben wir denn nicht nur eine Harmonie, die aus dem Zugleich mehrerer einzelnen Stimmen entsteht, — Accorde sondern auch durch diese klingende Harmonie eine unhörbar allmächtige: die Harmonie der Erde oder der Natur mit dem Geist der Himmel, der Seelen mit dem Seelenocean! — Die Stimme . . . das Lied . . . den schönen Klang: die Tugend! Kein Erdenleid, keine Klage keines Menschen darf mehr unausgesprochen das Herz erdrücken; keine Freude, keine Wonne darf blos mehr in Wein und Beinen bleiben — sie kann Luft, Duft, Götteropferrauch werden, und die höchste Wonne dazu in diesem Opfer. 
          Es ist aber wenigstens dazu setzt wieder Zeit, den Zweck der Musik, „weil er darin liegt,“ zu erkennen und anzuerkennen; die Veredlung des Herzens, die Beruhigung des Gemüthes — und also Stücke zu verwerfen, welche die Leidenschaften empören in Wogen durch rohe Bewegung und barbarischen Lärm — unter welchem das Große selbst stirbt, wie ein Feldprediger in der Schlacht. Eine klare Musik ist dagegen ein wahres Friedensinstrument mit Noten geschrieben. Und welche wahrhaft Musik hören und vernehmen wollen, die müssen ihre Leidenschaften wenigstens besänftigen wollen und Menschen kennen und Gott, um sie zu lieben. So werden sie den

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    heiligen Geist empfangen, wenn sie ihn schon an den Flügelspitze haben. Und Virtuosen, oder nur zweite Geigenspieler, die lüderlich, roh, tugendlos sind, welche Seele werden sie in ihre Saiten streichen oder in ihre Flöte blasen, aus dem Teufel den Teufel, und sie soll, ten geradezu cassirt werden — denn welches Recht, wie billig und rechtlich sprechen auch junge, lustige, leichtsinnig tugendlose Staatsbeamten? ich frage Dich, Freudenreich, Du armes, edles Herz!

     
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