Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel VIII.
       Wunder über Wunder

     
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    Natürliche Dinge sind kein Plunder!                      
    Daß Menschen sich wundern, das ist das Wunder.

          Landgraf war von Jaïs abgeholt worden, der ihm gleich draußen die Nachricht mittheilte: Nimrod ist todt! — Denn Moses ist auch dereinst gestorben. Alle Cassen sind versiegelt. Gut, daß wir die Meisten und das Meiste bezahlt haben! Denn von nun an ist uns der Beutel an die Wolken gehangen. Landgraf stutzte, das heißt: er erschrak innerlich, ob er gleich still schwieg wie Napoleon, als er vom Kreml den Brand von Moskwa

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    schauend auch den Rückzug seiner ungeschlagenen und unschlagbaren großen Armee vor Augen sah. Schweigen wir! sagte er. Wir helfen uns aus. Doch wovon ist er so plötzlich gestorben? 
          Von Freude, antwortete Jaiis: vor Freude über das Reich des Israelitischen unverwüstlichen Volkes in Arabien, das übrigens eine Emanation des großen Reiches in Afrika ist. 
          O Vaterlandsliebe! stirbst du nie? Auch nach dem Tode des Vaterlandes nicht. Ehrwürdiges Volk! rief Landgraf. 
          Sprich auch: ehrwürdiger Mann, der Nimrod. So geizig er schien, so herrlich erscheint er nun: er hat sein ganzes ungeheures Vermögen seinem Volke vermacht! Es müssen doch also Leute, Leiter, Führer seyn, die es in Empfang nehmen und sicher gebrauchen. 
          O was hat doch ein Freund seines Volkes! In allen Schätzen Nichts, ja sich selber nicht, keinen Bluts, tropfen, keinen Heller! versetzte Landgraf. Alles hat sein Vaterland, das Vaterland, der schöne Traum aller Erdbewohner. O er ist seelig gestorben! 
          Hudler hat mir das Alles zu verstehen gegeben, aber deutlich gesagt, daß er Rechnung von dem ausgegebenen Gelde verlangt, zur bedächtigen Einthcilung von heut an. Er hat den Termin auf kommenden Freitag gesetzt.
           Er mag nur kommen! sprach Landgraf getrost. 
          Er ging gleich nach Hause, durchging seine Ausgaben und Quittungen, und er mochte rechnen, zehnmal, zwanzigmal, es fehlten ihm

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    1000 Thaler in Golde. Er stutzte nicht, denn es konnte nicht seyn. Aber es blieb so und blieb, so daß ihm schwarz vor den Augen ward. Der ehrliche Mann konnte sich nicht besinnen; es fiel ihm nicht bei, daß er der schönen Sängerin aus St . . . . . . . . 200 Louisd'or gesandt hatte, und sie sollte noch kommen! Er hatte aber darauf bestanden, sie zu dem Fest zu besitzen, denn Ein wirklich verständiges schönes, oder nur schönes Weib hält oft ein ganzes Reich zusammen, wie der Vollmond das Meer. 
          Es mußte sich finden; aber er war verdüstert, denn er befand sich in einer nie erlebten Lage, in welcher ihn nie erfahrene Schande bedrohte.
          In den nun folgenden sieben schweren Arbeitstagen — denn Proben und Corrigiren sind die sauersten aber nöthigsten belohnendsten Arbeiten und machen den Meister — in diesen war Landgraf zerstreut. Im besten Dirigiren hielt er auf einmal die weiße Notenpapierrolle hoch in der Hand. Ihm war, wie einer eingeschützten Mühle zu Muth seyn möchte, der Strom der Musik rauschte dahin — Er war aus dem Takte, über allen Takt, über alles Schöne und Liebe hoch und weit und fern. Er ging nicht zu den prachtvollen Gastmählern Schönknechts, der seine 5000 Mann noch nicht abgespeist zu haben behauptete. Er ging am Abend spät bis in die Nacht durch die Straßen, hörte, wie in allen Zimmern und Winkeln

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    und Dachstübchen die Virtuosen ihre vorzutragenden Passagen abgelten, auf dem Horn sie herausstießen, aus der Trompete schmetterten, aus der Posaune zogen, und aus dem Serpent brüllten, oder gar auf dem Contrabaß rumpelten, daß die Ziegel hätten mögen vom Dache fallen. Man sagt, daß wer sich die Ohren vor der Musik zuhält und Damen und Herren tanzen sieht, sie nach einiger Zeit für verrückt halten soll. So dachte Landgraf, da er jetzt die ihm verrückt scheinende Musik hörte, da seine Seele nicht tanzte! Am meisten behagte es ihm dann vor seinem Hause, worin Jaïs auf dem ungeheuersten Basse seine Stimme zur Zahnschmerzensymphonie abruckte, stöhnte und schrie. Dann legte er sich in sein Schweizerbett, das je mehr und je lauter Musik machte, jemehr sich der Schlaflose auf dem Lager umher warf, und ruhiger spielte, wie er ruhiger ward, und ganz schlief, wenn er schlief. Ein solches Schweizerbett hatte Landgraf oft vielen Millionen Menschen im Lande gewünscht — jetzt erinnerte das Lied: „Kennst du das Land, wo die Citronen blühn?“ nur an seine verlorne Tochter, an die schlaflosen Nächte, die er als kummervoller Vater schon um sie gehabt, und so erfreute ihn das Bett nicht, höchstens schöpfte er Hoffnung aus dem Liede: „Ach, aus dieses Thales Gründen . . .“: könnt' ich doch den Ausgang finden! — und der naturwahre Schluß desselben: Du mußt wetten, du mußt wagen! Nur ein Wunder kann dich tragen in das schöne Wunderland. Und da sah er die Freude, seine Sabine, wie der arme Testator seine Stella „durch den Riß gesprengter

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    Särge in dem Chor der Engel stehn.“ Darüber schlief er am sichersten ein, wie alle Frommen. 
          Die schöne Sängerin kam in einigen Tagen so schön, daß schon zwei sie Liebende, fliehend vor ihrer unerträglichen Schönheit sich rettend, vor den himmlischen Tönen ihres herzzerreißenden Gesanges sich erschossen hatten. Er sahe sie — es fiel ihm nicht ein, daß er den Postschein über die 200 Louisd'or in der Brusttasche seines blauen Oberrocks hatte, den er in diesen Tagen nicht trug; seine Ehrlichkeit und Vorsicht fiel ihm bei ihr nicht ein, daß er nur wirklich bezahltes Geld in die Ausgaberechnung stellte, weil er sonst zu bezahlendes Geld schon, zwar ohne dedit verzeichnet, und auf sein Geschriebenes sich verlassend einst einem armen Manne bittres Unrecht gethan hatte. Die Zuhörer, die Gäste des Festes waren aus dem Vaterlande in Schaarengekommen, die Aufführungen waren in die Tage, ja in die Nächte und Morgen vertheilt, wiedas Orgelspiel, das am mächtigsten wirkt in stiller Nacht; er hatte Truppen genug, um Gefecht auf Gefecht mit untermischten Schlachten zu liefern . . . aber nun stieg auch Neid, Mißgunst, Eifersucht, Laune und störrisches Wesen unter den ersten Sängern und Sängerinnen hoch, sehr hoch, zu hoch. Eine wollte Das nicht singen, ein Andrer nicht mit Dem. Jener wollte Das singen, was seine Partie immer gewesen. Diese mit Ienem. Hader und Streit hatten kein Ende. Zum Unglück nur ein ausländisches Wort, aber auch eine deutsche Sache, nämlich Disguste fanden statt.

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    Einige wurden wirklich krank vor Ärger und Groll und Grimm: Andere wollten es scheinen. Einige reiseten fort und Geld, viel Geld ward nöthig, und mehr wäre noch nöthiger gewesen ein goldner Magnetberg. Landgraf ward krank, da er, schon wochenlang leiblich- und geistigmüde, nun Alles auch herzlich müde war. Dazu mußte er es verschweigen und gegen Alle zuvorkommend und obendarauf erscheinen. Und noch Eins, ein Bitterstes mußte er verschweigen. Am Tage zuvor, als seine liebe Isaline vor dem versammelten Volk auftreten sollte, war ihre Corbeille, ihr Schmuck und alles gestohlen. Nach des armen blinden Silbermanns Aussage waren Tritte im Zimmer — Tritte von einem Manne hörbar gewesen, als er Siesta gehalten, in der ihm ungewohnten schmählichen Hitze, und Isaline hatte das Zimmer aus zarter Vorsicht verlassen, ja nicht etwan eine Passage zu singen, damit der arme Blinde ruhig schlummere. Es hatte sich aber eine Lorgnette gefunden, die Landgraf schnell und heimlich ergriff, da sie seinem angeblichen Sohne gehörte. Desto schwerer lag der Kummer auf ihm, da Rembrand ohne Zweifel von seiner Geschiedenen zu der hämischen That vermocht worden war. Das arme Kind! das arme Kind! seufzete Landgraf. Ich habe jetzt nichts — und borgen, borgen hab' ich verschworen. Nach dem Feste wird die feine ausgelernte und ausgediente Sängerin den Schmuck — vielleicht — wieder in Isalinens Hände spielen. Noch schrecklicher ward er überrascht, als Isaline bei seiner Geschiedenen zu Gaste gewesen war, und

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    unaufhörlich husten mußte, ohne den schmerzlosen Reiz dazu auch nur zwei Minuten unterdrucken zu können. Er ließ sogleich den Doctor Baumstark rufen , der das Übel beobachtete, in die Apotheken lief, bald darauf ein Pulver brachte, das er dem fast weinenden Landgraf zu kosten gab, der sogleich auch anfing zu husten. Baumstark aber lachte und sagte ihm: wir haben an dem Pulver ein sehr nützliches Mittel gegen Kehlkopf» Übel — Isaline wird in acht Tagen tausendmal heller singen. Rhabarberwurzel ist ein andres Geheimniß der Sänger und ihr wahres Kolophonium. 
          Was? Acht Tage? rief Landgraf, während Isaline erröthete. 
          Baumstark zuckte die Achseln, verschrieb aber doch einen Berliner schmalen Doctorgarten oder ein Recept. Und es half. 
          Die folgende Nacht träumt Isaline, eine Kreuzspinne habe sich in ihre rechte Wange gebissen. Sie greift darnach mit Schrecken und Hast. Am Morgen ist die Stelle roth und entzündet; sie kann nun wirklich nicht erscheinen. Was sie weggeschleudert hat, ist eine ihr unbegreiflicherweise aufgelegte spanische Fliege gewesen. Der Armen einziges Festkleid von weißem Atlas, ihr einziges himmelblaues Tuch, das schon zum Anziehen daliegt — alles ist über und über mit Theer begossen. Sie hat den Fehler gemacht, Abends noch Frau Landgräfin zu besuchen — ohne zu husten.

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    Und Frau Landgräfin hat bis vor Kurzem in Silbermanns Zimmern gewohnt, und Rembrand hat da vielleicht einen Schlüssel mehr dazu. 
          Lasse sich doch Niemand scheiden! sagte Landgraf blos zu dem allen; denn ein Geschiedener wird doch seine Frau nie los, ganz nie, und sie besitzt ihn als Freundin oder Feindin. Ich wünschte nur, die Schlange hätte das Alles als Mutter ihrer eigenen Tochter angethan! 
          Er wußte nicht, was er damit gesagt hatte, denn er meinte mit dem Worte: Hortense. 
          Aber noch ein Wunder war in seinem Hause geschehen, dessen Erfolg ihn schwer am Herzen kränkte, weil sein Jugendfreund Jaiis ein unehrlicher Mann, ein Frauenräuber darüber werden wollte, wie er ihm gesagt. 
          Du willst eine Wahnsinnige entführen? fragt er ihn; zu welchem Nutzen für sie oder Dich? Du siehst, ihr abscheulicher falscher Mann ist selbst so ehrlich, daß er keine Kinder hat, und wie frisch und jung und schön und jungfräulich sieht noch die Wahnsinnige aus. Der Leib wird ja und ist ja nie wahnsinnig. 
          Ihre Seele ist es auch nicht mehr; entgegnet ihm Jaïs. Laß Dir nur sagen!' höre doch nur! 
          Du willst sie also doch entführen, dem Räuber rauben, den Mörder wieder morden und köpfen! 
          Er hat lange genug ihr Geld besessen. Sie selbst hat er nie gemocht, und ihre gute Ehe wäre nun doch aus; versetzte Jaiis.

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    Landgraf hörte ihn aber nicht, oder schien nichts zu hören, zu wissen, und doch erfuhr er, wie es sich begeben. 
        Jaïs exercirt auf dem Violon und hat seine Stubenthür in der Hitze auf. Auch Clementine, die ohne ihren Mann zu Hause ist. Sie hört endlich. Sie kommt, lieblich weiß und leicht angezogen, auf den Saal. Er spielt immer; sie hört mit Spannung. Er spielt sehr leise. Da wagt sie den rechten Fuß weit vor auf seine Schwelle zu setzen. Auf diesen gestützt beugt sie sich endlich weiter und weit vor, und starrt ihn an. Da erinnert er sich, welche Arie sie einst so Zern von ihm gehört, und er spielt unter Thränen mit dem seelenvollsten Ausdruck die schönste Baßarie: „In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht; und ist der Mensch gefallen, führt Liebe ihn zur Pflicht. Dann wandelt er an Freundes Hand, beglückt und froh, in's bessre Land.“ Sie sinnt lange, den Finger am Munde, wie eine Sappho. Sie wird immer blässer und blasser, sie wird todtenblaß. Sie fahrt mit der rech, ten Hand nach dem stürmisch pochenden Herzen und hält es gleichsam fest. Da sieht er: ohne daß sie es weiß, fallen große Tropfen aus ihren Augen! — Die Seele lös't sich in ihrer geheimen Werkstatt, wie gefroren thaut sie gleichsam auf. Es ist Frühling um sie. Sie lebt, sie ist da wie eine wiedergekehrte Schwalbe. Ihre großen Augen gewahren ihn und bleiben ihr rollend stehen. Sie breitet die Arme aus. Sie erkennt die Töne. Sie erkennt ihn. Sie schreit überlaut.

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    Sie will sinken. Er wirft den Baß aus den Händen; sie liegt ihm am Herzen, sie klammert sich an ihn an. Sie zittert und bebt und schluchzet und zuckt, als habe sie sich aus einem furchtbaren Meere gerettet, an ihn gerettet. Er hält sie fest. . . . Du lebst? Du lebst? ruft sie endlich. 
          Ich lebe; Ich bin Dein! Ich war immer Dein! sagt ihr Jaïs entzückt. Du lebst! . . . . und ich war todt! Nein, nicht todt, ich fühlte mich in Dich verwandelt . . . . und da war ich Dir todt . . . . aber ich war nur betrogen! betrogen! Und Du hast es ertragen, ausgestanden, überstanden. 
          Nun weinte sie erst menschlich, weibliche Thränen der Liebe und Güte, des eigenen Schmerzes und des Schmerzes des Geliebten. 
          Du lebst und ich lebe! sagt er ihr. Nichts ist verloren. Wie einen vergraben gewesenen Edelstein habe ich Deine Liebe und Dich — ach! wiedergefunden, ach! und um sie sogleich wieder auf immer zu verlieren. Ach viel elender, denn nun verliere ich Dich, Deinen Willen mein zu seyn — Deine Liebe. 
          Nimmermehr! spricht sie rasch und entschlossen. Ich bleibe Dein! Ich verstelle mich bis Du mich rettest, fortführst in alle Welt, nur daß Du da seist! Zähle auf mich! Zur Liebe kommt die Rache. 
          Da ist ihr Mann gekommen. Erstaunt sieht er sie in den Armen des fremden Mannes, den er nun wiedererkennt. Jaïs! ruft er mit drohender Stimme.

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           Verzeihe, daß ich lebe! erwiedert Jaïs. 
          Das macht ihn verstummen. Clementine ergreift den Violon, und zupft an den Saiten. Sie will die Maske abwerfen, denn ihre Rache ist erst aus der Erde gefahren wie ein Tiger. Doch sie starrt zur Erde. Sie klagt. Sie weint still. So führt er die Wankende fort. Sie wird mit ihm fliehen, denn wo des Weibes Sinn ist, da ist es auch bald ganz, wenn nicht gleich. 
          Was Landgraf noch mißmuthiger, ja trostlos machte, war ein anhaltender Regen, der verhinderte, daß die großen Aufführungen der vielen hundert Sänger nicht in dem Ruhethal statt haben konnten; als dem besten Orte für viele Tausende drunten im Thale zu singen, und für viele Tausende droben auf dem amphitheatralisch sich erhebenden Felsen zu hören. Die kleine grüne Ebene im Grunde war zum neuen Kirchhof bestimmt. Aber es ruhte erst Einer dort — der brave Nimrod.

     
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