Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel IX.
     Besonderer Fall

     
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                     Der Abend schließt stets anders als der Morgen,
    Das Leben ist ein stetiges „Danach!“    
           Im blauen Himmel ist die Nacht verborgen,
             Und aus der finstern Nacht wird heller Tag!

           Landgraf hatte zum Lohn seiner Mühe sich einen freien Tag bedungen, an welchem er, wie ein Gast, die Chöre von 1000 Sängern und die Soli's seiner lieben Isaline hören wollte in Ruhe und Freude.

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    Das alles war nun hin, obgleich der Tag gekommen, und die Menschen hinaus nach der Iesuskirche strömten. Er sahe, mit Isaline im Schleier, den rührenden Zug von Frauen, Jungfrauen, Männern und Jünglingen, Knaben und Mädchen an den Händen, aus seinem Fenster. Sie trugen Putz und Schmuck und Reichthum an sich, der wohl auch erfreulich war; mehr aber die stillen Herzen, die sie einer innern großen Geistersonne entgegen trugen, an welcher sie blühen wollten. Der Himmel war wieder klar, ganz rein und klar und geheimnißvoll still; denn es sollte bald eine Sonnensinsterniß seyn. 
          Als fast alle schon zu Fuße vorübergezogen waren, ergriff ihn die Sehnsucht auch. Wer die Gelegenheiten auf Erden nicht ergreift, alles Große und Schöne zu sehen und zu hören und zu empfinden, der ist als versteinerte Rose auf die Erde gefallen, als versteinerter Frosch! Der hätte nur gerade taubstumm und blinddumm im Himmel sitzen bleiben sollen. Komm, mein Kind! sagte Landgraf. Ich werfe Dir noch einen Schleier über. Aber wenn Hortense nun an Deiner Stelle schön singt, bekenne es, daß sie schön singt. Man muß Alles und Jedes an allen Menschen wohl unterscheiden, und immer wahr und gerecht seyn. 
           Sie gingen. 
          Und Isaline frug, die Heerschaar des Zuges vor sich: Warum die Menschen nur so in Concerte rennen?

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          Und er bedeutete sie: Liebes Kind! Ein tiefes schönes Musikstück ist länger, als das ganze Leben. Nicht sowohl die Kunst, sondern das Kunstwerk ist lang — und das Leben, das Durchleben, das ewige Drängen und Wandeln und Wechseln ist flüchtig und kurz. Ein einziges Adagio giebt das ganze Leben durch, zufühlen, seine Kindheit, seine Vergangenheit, seine Zukunft, alle seine Unendlichkeit, und der Geist des Menschen hat Zeit und Muße, einen Augenblick sich seiner großen Ewigkeit bewußt zu werden unter den Klängen. Alles, was Jemand aber thut, ja denkt, ist kürzer als das Leben und gleichsam nur ein materieller Theil davon, der den Geist bannt und in Enge und Kleinheit zwängt. Im Gefühl liegt die Welt des Menschen, im Anschaun — und Töne sind Seufzer der großen Genien nach uns — Flügel, uns emporzutragen zu ihnen. Ja, die reine Instrumentalmusik, die von nichts und gar nichts sagt — als eben sich selbst — sie ist die höchste und unendlich höher, als wenn sie ein Menschenwort sagte von Liebe, Schmerz, Wein, Freude, Hochzeit oder selber vom Tode — denn auch der Tod ist kleiner als der Mensch, und sterben ist herzlich wenig für den Geist, ja etwas recht Erbärmliches. Der Klang, der reine Ton bleibt immer aber schwer, übervoll, überschüßig über jedem Wort, mit dem er verbunden wird, wie ein großer Becher Nektar über einer kleinen ausgehöhlten Perle. Die Indier sind überzeugt, daß sie durch Klänge die Geister des Himmels herabrufen können.

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    Wir aber sind mehr und sehen  klarer als die Indier, und sagen und wissen: die Klänge sind selbst die Himmelsgeister, und der Tondichter ist nicht der Ton, nicht die Geister, sondern er ist bloß der Geisterquell, die Urne aus Fleisch und Bein, woraus sie strömend erscheinen, den armen — durch sie aber reichen — Sterblichen diese Gefühle in die hohle Brust zu tönen, diese Thränen zu erwecken. 
          Darum ist eine Symphonie, ein verächtlich sogenanntes Instrumentalconcert, eine unsichtbare, aber hörbare, fühlbare Geisterschlacht vieler besondern Geister aus ungeahneten Räumen, wodurch die Geister frei gemacht werden von allen Lastern, aller Schmach der Erde, ja von der Erde selbst; und sie ist erfreulicher und größer, als etwa eine Russenschlacht mit den Polen, die Niemand mehr lesen mag, wenn er sie als etwas Neues in der Zeitung gelesen hat, und sie hinwirft zu der alten, niederträchtigen, unbeachteten Maculatur der miserablen Weltgeschichte. Aber ein Concert hallt nach, es stimmt auf lange Zeit hoch, edel und herzlich voraus; ja ein guter Mensch ist in seinem ganzen Leben nicht im Stande das zu thun und auszuführen, was er in so einem — Concert vom ewigen Capellmeister aufgegeben bekommen hat; und wer nur ein Einziges mit wahrer, ächter menschlicher Andacht gehört hat, der ist gebildet, ja gerettet für alle Ewigkeit und voll Sehnsucht immerdar. Harmonie ist wahrscheinlich das alleinige Gesetz des Alles und des Wandelns der Sterne; der Klang ist wahrscheinlich der Allbeweger, der Blumen und Menschen und Sterne bildet.

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    Musik ist der Geist des Aethers, der reizender aIs Licht und Wärme über die Menschen herniederfließt, damit sie sich an ihre sogenannte Heimath — an ihre innere Größe, ihr großes Innere — erinnern, um in der elenden Fremde, den elenden Tagen der elenden Erde nicht ganz zu verzagen. („Wie Ich;“ dachte er heimlich dabei; dann fuhr er fort:) Musik ist nicht unbekanntes Tönen, sondern Himmels-Kuhreigen! Wenn wir nun die tausend Menschen sehen in das Concert gehen, so denke ich immer: Wie viel Welten werden da geschaffen werden! Wie viel schönere, bessere Leben gelebt! In wie viel Herzen wird da der Cherub rufen: Es werde Licht! Licht der Sittlichkeit! Heller, schöner, freudiger Tag! Wenn ich so die alten Rumpelkasten von Baßgeigen ansehe, die höchstens aus zwanzig Pfund gemeinem Klafterholz bestehen, so kann ich nicht begreifen, wo die Wunder alle stecken, die in so einem albernen Kasten schlafen, und aus den zwei absonderlich geschweiften F-Löchern herausschwirren — wenn aus so einem Loche der Mond aufgeht in der Schöpfung, durch ein Paar einfache Töne von G bis C; — oder wenn Iphigenia schreit im hohen As, und der Baß ruhig auf seinem G- aushält, und doch die Basis zu dem fürchterlichsten Accord der Welt bildet, also mitschreien hilft in aller Stille und Ruhe, so ist mein Begreifen aus! — Oder wenn eiu Paar Glasscherben der Harmonika Einem die Seele zerschneiden und das „Auferstehn“ daraus aufersteht und schwebt — da habe ich einen barbarischen Respect

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    vor einem böhmischen Glasmacher, der des Tages bei seinem Harmonicaglockenblasen seine zehn Maaß Schnaps trinkt nebst verhältnißmäßigem Gerstenbier, und schwitzt wie ein Braten und dabei flucht wie ein Landsknecht. Wer mir sagt, er habe nur ein Staubtheilchen der Welt begriffen, der ist ohnfehlbar ein Esel so groß wie das Trojanische Pferd. Aber selig kann man seyn! Und glaube mir, das will das Volk seyn. Das wird es seyn. Nur Geduld! Denn steh nur, wie das Volk an Musik hängt, als an dem letzten Vergnügen, an der herzlichsten Erbauung! So lange den Deutschen nicht verboten wird und werden kann, eine große Symphonie zu hören, oder nur im Hause ein kleines Lied zu spielen und zu singen, so lange hat Deutschland Kraft zu allem Freien und Himmlischgroßen, und Kraft: die Erde mit ihren Lumpenhunden zu ertragen. Meine Tochter, ich bin krank, ich leide — und will Dir es nicht erst sagen, da Du mir nicht helfen kannst!“  
          „Es wird so schlimm nicht seyn!“ erwiederte Isaline leicht; denn sie waren vor der Jesuskirche angekommen und standen auf den Marmorstufen eines Grabmals, von wo sie die unzähligen Köpfe sahen wie ein Mohnfeld, als wären die Menschen blos Köpfe; nur die Nächststehenden hätten auch Arme und Beine. 
          Landgraf sah mit Entzücken über die vollgedrängte Menge, ohne die Ursache zu ahnen, warum sie stockte, und nicht allmählich zu den Kirchthüren hineinfloß. 
          „Siehe nur, Isaline“, sprach er, „ich habe doch noch Freude, wie hier des Testators Wunsch erfüllt wird,

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    und meiner, wie Alle sich gleich stellen, nie sie und weil sie gleich sind vor einem Geistighohen! Da stehen Prinzen und Prinzessinnen unter sehr gemischten Nachbarn. Der edle Mann wollte Harmonie, offenen Verkehr unter allen, offene Gesellschaft! Geschlossene Gesellschaften sind angekettete, wie im Stockhaus, an den Kartentisch, das Billard, das Buffet. Seyd Ihr vornehmer, so seyd humaner; seyd Ihr klüger, so seyd mittheilend; seyd Ihr dümmer, so lernt etwas. — Mischt euch, ihr Menschen! steckt die Köpfe zusammen, daß das Feuer und Licht, die Weisheit und Güte aus Augen in Augen, von Lippen zu Lippen, aus Haaren in Haare hinüberströmt. Aber sich in Kasten verschließen wie wilde Thiere, das zeigt Thierheit, Rohheit, nicht Bildung. So ein Kasten, worin die Geister sich absondern, ist aus Steinen der chinesischen Mauer erbaut — damit kein Kluger und Besserer hineinkomme, sondern die Herrn und Damen in ihrer geschlossenen Gesellschaft oder ihrem" Kasten fein unbehelligt bleiben von Klügeren oder Albernern. So ein Kasten ist eine wahre Zollsperre für geistige Güter, ein Censuredict gegen den heiligen Geist Denn die Welt ist Eine große Lankasterschule mit nur Einem Schulmeister, dem Formator und Informator Adams. Aber nehmt einmal an, ihr Kastengeister, ihr nähmt die Scheidewände zwischen eurem Kasten hinweg, und laßt Jeden und Jede — wie dort in die Jesuskirche — die schicklich angezogen sind und sich schicklich betragen, in eure Menagerie, welchen Vortheil gewinnt ihr da an Unterhaltung, Kenntnissen, Menschenkenntniß!

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    Denn die Menschen, die vom Herzen weg reden, aufrichtig und treuherzig, die geben sich, also immer einen Menschen; indeß der Kastengeist nur Complimente und Wind, Redensarten und Täuschungen giebt, und sich Niemand schlechter amüssrt, ja schlechter aufführt, falscher und gotteserbärmlicher, Gottes- und Menschen-lästerlicher, als eine vor- vor- vornehme Gesellschaft. Aber Eure Kenntnisse mittheilend und Eure Erfahrungen und Betrachtungen, gebt Ihr auch Unterhaltung, schöpft nicht allein Nutzen und Vergnügen von der Euch dennoch umwohnenden Menge, wie von Ochsen und Kühen, sondern gewährt auch Nutzen und Vergnügen. Und noch giebt es in großen Städten oft zufällig eine Menge Könige, Fürsten und Herren, die sich abschließen mögen, weil sie den Nimbus brauchen, und auch er Nutzen und Vergnügen dem Volke bringt; da giebt es zur Noth einen Kasten voll Minister, einen Kasten voll Generale und Stabsoffiziere, einen tüchtigen Kasten voll Steueraufseher, Postbedienten, Beamte, Offiziere, einen Kasten voll Prediger nebst Schullehrern, ja Kasten voll Comödianten, Sänger und Musiker — die aber alle unter sich erbärmlich leben, nicht so wie sie könnten, wie Gewürzkasten voll Zimmet, Pfeffer, Ingwer, Zucker — aber unter die Speise gemischt, geben sie erst eine gute Küche. O diese, ich möchte sagen: heilige, gute Küche! Ieder Kasten erhielt bald seinen Tonangeber und Tyrannen, und Freude und Freiheit ist aus. Was für eine soll aber erst in kleinen Städten seyn,

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    wenn der Kastengeist seine Kasten aufstellt, wie Marderfallen und Mäuselöcher. Da müssen die Geister verkrüppeln in diesen dumpfen Treibhäusern, wo Ein Witz ein Jahr lang hie und da wiederholt wird, und die paar Menschen ihre Köpfe und Herzen auswendig lernen und können, wie Röcke und Kleider der Damen-Herren. Alle versteinern! Es wird ein kleines China. Aber in die kleinste Stadt Freiheit des Umgangs gebracht, offne Gesellschaft, redliche Geselligkeit — und aus dem hohen menschlichen Gemeinsinn thut sich ein offnes reiches Leben hervor wie ein Frühling mit seinen Schätzen. Und kurz gesagt, die offne, Gesellschaft wird eine Kammer, worin sich alle Elemente des Landes finden, alle Gegenstände von allgemeinem Interesse sind. Gesteht also nur, Ihr Kasten, es fehlt Euch an Bildung — Bildung anzunehmen, und in großer Gesellschaft des Menschen Euch nicht als Nichts zu fühlen. Aber die Musik sprengt die Kasten!“ 
          Sie standen schon einige Zeit gezwungen still, da kam von den Thüren der Kirche her über das Volk ein verworrenes dumpfes Gemurr. Alle frugen. Keiner wußte das erklärende Wort. Vorwärts! rief man und drängte. Drängt nicht! erscholl es zurück — die Thüren sind zu! Und nach tausend Fragen kam endlich das deutliche Wort: die Kirche ist für das Musikfest verboten. 
          „Unmöglich!“ rief Landgraf über die Umstehenden. Hudler! Sudler! Polizeidirector! Wo ist er? Er wird uns helfen.

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           Die Kirche ist ja nicht fertig! noch nicht eingeweiht! riefen andere Empörte oder Ungläubige. 
          Ich habe heut noch Tischler und Zimmerleute, Maurer und Vergolder darin gesehen, ja Leimtiegel und Töpfe; versicherte ein Anderer. Sind Wir schlechter? 
          Und wenn sie geweiht wäre — entweihen sie Menschen? entweiht sie Musik? Und welche? Soll Strauß drinn hausen? Und noch — haben die ersten Christen sogar das Leiden Christi abgetanzt. Soll Strohfidel darin geklappert werden? 
          Indeß hatte sich die Sonne verfinstert. Es ward ein unheimliches Düster am Himmel und auf Erden. Die Wolken bekamen falbe Ränder, die Schatten waren ängstlich anzusehen, die lichten Stellen noch ängstlicher, die weißen Gesichter wie Arabergesichter. Aus dem Himmel war ein schwarzer durchsichtiger Schleier geworfen, und er schwebte. Die Hähne fingen an zu krähen wie zu Sonnenuntergang, der noch fern war. Die Dohlen kamen aus den Gefilden nach dem Thurme geflogen, und umschwirrten ihn mit ihrem Geschrei, da sie noch nicht schläfrig waren, und doch schlafen sollten — denn ihren Augen ward Abend. 
          Hinein! in die Kirche! riefen jetzt Stimmen. Und wenn auch die Kirche geweiht wäre, ist sie nicht eine Kirche? sprach ein gelehrter Prediger selbst. Sonst fehlte es an großen Sälen, und so wurden die christlichen Kirchen im neuen menschlichen Verkehr zu andern christlichen Dingen auch oft gebraucht: zu Tuch-, Leinwand- und Waarenhandel. Es ward eine Messe darin

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    gelesen, als heut noch gar nützliche und nöthige Jahrmarktsweise, wobei alle Verkäufer vor schlechten Maaren und betrügerischen Preisen gewarnt wurden: was jetzt Alles gesetzlich ist, das war sonst christlich — und das Herz war gerührt. Drauf ward aus der Messe — die Messe.
          Musiken wurden darin aufgeführt, sagte ein Anderer. Also Concerte, so gut sie waren. Verdirbt das Bessre etwas? 
          Es ward Unterricht darin ertheilt, wie in Griechenland noch! sagte ein heimgekehrter Bürger.
    Vorlesungen wurden darin gehalten — was unsern Gewerkschulen gleich wäre. 
          Landgraf war außer sich. Hudler kam in seine Nähe, stellte sich ihm gegenüber auf die Stufen eines andern Denkmals, und nun fielen Worte hinüber und herüber, die nicht die schöne Musik ersetzten. Hätten sie lange Arme oder Stöcke gehabt, es wäre noch arger geworden. Denn Hudler wies ihm lachend das schriftliche Verbot. Wir hätten überhaupt zu dem ganzen Fest eine Erlaubniß haben sollen —  — 
          — Die Sie nicht ausgewirkt oder mit Willen unterlassen haben — 
          — weil, fuhr Hudler gelassen fort, jedes so zahlreiche Fest wie ein Auflauf, ein Tumult zu betrachten sey. 
          Er hatte nicht Unrecht; denn die Menge wollte die Kirche stürmen, worin schon alle Instrumente und Noten sich befanden.

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           Da schlugen auf dem Thurme die Glocken von selber an. 
          Was ist das? rief es bestürzt. 
          Alle Gesichter waren empor gerichtet. Alle fürchteten, sie wußten nicht was. Da ward der schöne luftige Thurm vor aller Augen zu einem hangenden Thurme von Pisa und stand schief, daß es Allen unmöglich schien, er könne so stehen bleiben. Da quoll unter dem Simse des großen schweren Kirchdaches die Mauer heraus, auch die Pfeiler, die Widerlager des ganzen Kirchengewölbes bogen aus, waren auf jener Seite gewiß auch hinaus gewichen. Niemand holte Athem. Nur die der Kirche Nahen drängten gewaltig zurück, aber stumm. — Da stürzte das Dach mit dem Gewölbe in den Kirchenraum, und der Thurm stürzte in großen Brocken über die Trümmer. Die Erde donnerte von dem gewaltigen Sturz. Staub quoll auf, und die Kirche brannte gleichsam kalt ab, ohne eine Flamme, und die Berge wiederholten das Krachen, als wenn sie nicht genug rufen könnten: die schöne Jesuskirche ist hin! 
          Dann war eine tiefe Stille. 
          In diese Pause rief Sudler laut: Kein Mensch ist in der Kirche gewesen! — 
          Und ein bewundernder Ruf erscholl ringsum. 
          Nur alle Instrumente, Bässe, Flöten, Trompeten, sind in tausend Stücke zerschlagen, nur sie sind todt! — 
          Einige lachten. Andere — die Besitzer derselben —

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    klagten über ihren Verlust, da diese Wesen ihnen so lieb und vertraut waren wie Hunde oder Singvögel. 
          Lassen Sie mich sagen! rief Hudler: Ich habe den Fall vorausgesehen, voraus gewußt. Der versoffene Maurermeister hat mich gewarnt — 
          Wann denn? frug Landgraf. Wie denn? 
          Kurz, schrie Hudler, vom Regen ist der Grund ersoffen, gewichen — und ich habe mehr gerettet als hundert platzende Dampfschiffe. 
          Bravo! Bravo! riefen Alle, so weit sie es gehört hatten. Wie heißt der Polizeidirector? 
          Und ruhig antwortete ihnen Landgraf, wie er die Sache durchdrang — er heißt Hudler. 
          Und „Hudler soll leben!“ erscholl es; und Landgraf stimmte verzweifelt mit ein, und sprach nach Allen allein noch einmal laut: Hudler soll leben! 
          Und die Tausende gingen von dem Platze hinweg, in das Bad spazieren unter den lebhaftesten Gesprächen. Morgen ist Rechnung! Nachweis der Gelder! Früh um 8 Uhr. Es ist so ja nun aus mit dem Feste. Ohne Schuhe kein Tanz! sagte Hudler noch höflich zu Landgraf, als wenn er wüßte, daß ihm fehle. Der Himmel rechtfertigt die Polizei. 
          Wunderbar! Mit Sonnenfinsterniß und Erdbeben, rief ihm Landgraf hinüber grüßend; aber er sah ihn nicht mehr; ihm war schwarz vor den Augen. Und Isaline führte schweigend den Schweigenden fort. 
          Die Sonne trat allmählich wieder heller und endlich ganz und ganz

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    hell als Sonne hervor, und Landgraf weinte fast auf zu ihr. 
          Er sann hin und her: wer ihn rette, damit er nicht als Beschleicher, Betrüger, Vortheilzieher erscheine. Er schüttelte sich. Nimrod's junger Erbe konnte alle Tage kommen — aber war noch nicht da. Der Assessor, wußte er, hatte kein Geld. Da blitzte es in ihm: Deine Geschiedene hat ihre Pension bekommen! Ich will borgen — o Himmel, ich will, ich muß! 
          Er führte Isaline zu Silbermann, und wie er den Blinden sah, und dachte wie viel er ihm gegeben, wie viel dem Palmanova und seiner Givvanna, wie viel dem Ia,s und so vielen armen Musikanten, an Hortense, an Rembrand, an seine Geschiedene, so daß die Summe ihn dreimal gerettet hätte, so freute er sich doch, und ging nun getroster zu seiner Frau Landgräfin. Unglücklicherweise traf er die schöne Sängerin, und ging in freundlichem Gespräch mit ihr bis an das Haus. Ja sie trat noch eine Weile mit ihm in den Flur. 
          Nun! sagte seine Geschiedene, hätte Er sie lieber nicht gar zu mir heraufbringen können? Was wollte sie denn von Ihm? Was anders, als Geld!
    „Nein!“ sagte Landgraf. „Ich brauche Geld.“
    Er?
    „Von Dir!“
    Von mir?
    „Du hast Deine Pension erhalten . . . .“
    Du lieber Gott! Wo langt das hin? Wo ist das hin?

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           „Schon? Das ist zum Hängen! Aber das ist nicht so!“ 
          Was hat Er darnach zu fragen? Und wie kann Er so dreist es mir sagen, daß Er Geld braucht, und mit Der bis in mein Haus kommt? 
          „O, ich schäme mich auch! Ich weiß nicht, wie ich es über die Lippen gebracht. Es soll heimlich bleiben, ganz heimlich; ich selber soll und will es nicht wissen.“ — Dabei trat ihm der Angstschweiß auf die Stirn. 
          Er schämt sich doch noch! 
          Die Sängerin hatte ihm eine schöne Rose von der Brust verehrt, und er roch in seiner Verlegenheit daran und hätte lieber in den Kelch geweint. 
          Ich glaube, Er kann mit den Augen riechen! sprach die Landgraf lachend. 
          „Ich wollte, ich könnte mit Worten weinen!“ versetzte er; aber er ermannte sich, die Galle überlief ihn. Er griff in die Brusttasche und überreichte ihr ihres Rembrands gvldne Lorgnette, und sagte, ohne sie — vor der Schaam, die sie als Mutter empfinden würde — anzusehn: „sie hat sich im Zimmer des armen blinden Silbermann gefunden, als Isalinen der Schmuck gestohlen“ . . . . 
          Gestohlen! rief sie fast zürnend, und setzte fast spitz hinzu: — nun gestohlen wohl nicht! 
          „Ach, das arme Kind würde ihn gleich opfern für mich, wenn ich ihn verlangte, wenn sie ihn hätte!“ 
          Sie hat ihn also nicht? Thut mir leid. Und so wandte sie das Gespräch, frug nach der eingefallenen Jesuskirche, klagte bitter, daß ihre Hortense

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    um ihre herrliche Producirung in aller Art gekommen, tröstete ihn über den plötzlichen Tod des Musikfestes durch das frühe unerwartete Hinscheiden aller Geigen, und verstand seine Angst nicht und mochte sie nicht verstehen, und — gab kein Geld. 
          Und der gute Landgraf versicherte sich in seiner Seele: Sie hört einen falschen Ton, einen falschen Grund aus meiner Hast; sie glaubt, ich habe mich in die schöne Sängerin verliebt und will meine etwanigen Jahre mit Golde gleich machen. Sie ist eifersüchtig, da ich ihr doch nur gehörte! Nicht mehr! Gewiß nicht mehr! Sie ist neidisch auf die ewige Iugend und Schönheit der Welt. Sie ist geizig, hart, undankbar! fatal! Ja fatal — mein Fatum! Wenn ich abgebrannt oder abgerissen zu ihr käme, sie ließe mir keinen Rock machen! Daher ist es doch gut, sich endlich wirklich von dieser Freundin zu scheiden. Sie ist werth, ich bin werth, daß sie mich heut zum letztenmale sieht! Es ist zum Hängen! Ich überlebe es so nicht! Schande überlebe ich nicht, Schande will ich auch nicht erleben. Nach meinem Tode, schon morgen früh um 9 Uhr bin ich ein ehrlicher Mann. Der Tod verwirrt ja Alles, und Alles ficht er aus, was wir müde, herzlich müde sind auszufechten. Du guter Landgraf! Er drückte sich selber die Hand in der leeren Tasche, indem er sie ballte, und noch geballt herauszog. Dann trat er vor seine Geschiedene und bat sie, ihn noch einmal recht anzusehen! Und als sie es verwundert und neugierig gethan,

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    und ihn übermüthig sogar dabei umgedreht halte, sprach er: So! und ging mit in die Augen gedrückten, Hute zur Thür und zum Zimmer hinaus. Drunten im Hause stand er. Es fiel ihm ein, sein Haus zu verkaufen. Er ging hastig zu dem Herrn, der es gewunscht. Er ist in „The Poets cornes,“ erfuhr er; und so ging er in den Poetenwinkel, den er heut voll Musikanten antraf, die das Leid und den Schreck im Weine vertrunken hatten. Sie sangen so eben:

    Ihr Thoren, sucht doch nicht
    Den alten Lethetrank!
    Ich find' ihn ohne Licht
    Im Keller oder Schrank,
    In Flaschen und im Fasse!
    Die allerbeste Race
    Vom Lethe aber heißt:
    Tokaier! Der hat Geist,
    Der unsern mit sich reißt
    In jene Himmelstage,
    Ohn' alle Menschenplage,
    Wo man die Welt vergißt,
    Und nicht nur eine Gabel,
    Nein, nein, die Welt selbst ist;
    Und voll von jeder Fabel
    Das Haupt so groß uns schwellt,
    Daß Sterne, Mond und Sonne
    Drin tanzen voller Wonne,
    Daß uns kein leerer Magen bellt!

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    Und Keiner glaub': Er sei geprellt —
    Denn seine Wahrheit hat der Schein,
    Und seine Tugend hat der Wein!
    Der Wein, der Wein, das himmlische Kind!
    Trinkt aus und füllet die Becher geschwind.

    Und auch der Dictator sollte und mußte Lethe trinken, trank aber nur Ein Glas. Da trat ihn ein armer geschickter Musikus an, in einem Rocke, wo der Leinweber zum Ellenvogen heraussahe, an der linken Hand ein kleines liebes Mädchen, in der Rechten ein Glas Lethe — das er ihm reichte und ihn ansang:

    Ein Glas ist kein Glas!
    Die Sorge ersäuft nur im Faß!
    Die Sorge hat ein zähes Leben,
    Man muß ihr den Rest mit Resten geben.

    oder lateinisch: cura multo dilultur mero! Ein grober Fehler: Ein Glas zu trinken. Mir ist meine Frau gestorben — ich erhacke mein Brot auf der Geige — hier steht meine arme Waise — aber ich heiße Kellermann, vulgo: Wein-Kellermann, und lebe noch und singe! Denn hier habe ich meinen Freund Wappler gefunden — ein tüchtiges Horn! und wie habe ich ihn entdeckt, wie Newton sein Gesetz, als ihm der Apfel auf die Nase fiel — ich aber fiel im Finstern von der Ofenbank auf ihn in der Kneipe, er lag also natürlich unter der Ofenbank! Da rief er: Wer da? Da sprach ich: Kellermann!

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    Dankt Gott für die Ehre, daß eine solche Geige auf Euch fällt! Wer aber seyd Ihr, mein Canapee? Da sprach er: Wappler. Da hatte ich Respect. Wir machten uns unsere Diener — und etwas zu tief, und schliefen sanft und selig wieder ein, bis der Schwarm kam! Aber was hat mir indessen geträumt! Ich war im Geigenhimmel! Denn bekanntlich hängt der Himmel voll Geigen; aber ich kann versichern, es hingen auch alle andern Instrumente da — — — — und vernarrte ganz, als sie alle mit einander sprachen, was die Weiber so einen kleinen Zank nennen! Ich hörte, wie die Trompete und Trommel den Krieg verfluchte, und die Flöte den Walzer, und wie jedes Instrument auf seine Ehre bestand: was es eigentlich im Leben thun solle und was nicht! Am Ende war gar Prügelei, denn der Baß warf allen cor: sie wären alle zu Gassenjungen geworden! — Da setzte es Stöße! Da macht' ich mich fort — und erwachte mit dem Kopfe auf dem dicken Wappler, der sagte: ihn habe der Alp gedrückt. Als nämlich Ich! Nun ist mir ganz wohl hier. Dictator! nur Lethe! Lethe!

    „Morgen können wir's nicht mehr,
    Darum laßt uns heute leben!“

    sagt der Verfasser des Punschliedes. Mein Element aber ist eigentlich Schnaps! Statt aus Wasser, wäre aus Schnaps oder gar aus Spiritus eine ganz andere Welt geworden! Wasser war ein dummer Einfall. Oder

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    doch Wein! Auf Weingeist hätte ein anderer Geist geschwebt! Na, das ist vorbei! Wir sind hier, Wir sind so. Drum brauchen wir Lethe — und haben Lethe — wenn wir Geld haben. — Und nun zischelte er: Herr Dictator — einen halben Gulden — zu einer neuen Brotwinsel! 
          Landgraf gab ihm ungesehen einen Ducaten, bat ihn um Erlaubniß, sein Mädchen mitnehmen und neu kleiden zu dürfen — suchte noch lange seinen Käufer unter der Menge Angestochener, Benippter, Seliger, Lachender, Weinender, Seelensguter, Zänkischer, Betrunkner, Besoffener und Eingeschlafener umher — überblickte die Leute, dachte über ihnen, gern vergebend: Warum die Musiker, selbst die wahren, oft lüderlich sind? . . . Sie schwelgen in Gefühlen, welche die Töne in ihnen beständig wach halten. Gefühlen gnügen keine Gedanken, keine Geschäfte — die Musiker suchen den Urquell nun der Gefühle, die Heimath ihrer kurzen Seligkeit — und finden sie nirgends, als etwa — in der Weinflasche. Selige Leute! 

          Er fand seinen Käufer nicht. Und so führte er mit Herzklopfen das kleine Mädchen, das er Sabinchen nannte, mit einem guten Worte zu Isalinen; nach alle der Qual brach ihm noch vollends das Herz über seines Kindes Verlust, er ließ alles gut seyn, ging zitternd die Treppe hinauf, warf sich verzweifelnd auf sein Schweizerbett, sprang dann auf, ging in sein Schlafzimmer — und erhing sich.

     
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