Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1Capitel X.
   Das blaue Kleidchen

     
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           Ohne Sterben kein Wiedersehn,
    Ohne Verlieren kein Finden;
                     Und Wiedersehn und Finden ist schön,
        Ach, nur nicht für den Blinden!

           Indessen, ja ehe das noch geschehen war, sucht Isaline in ihren Kleidern, um gehorsam und mildthätig sich sogleich an die Arbeit zu machen. Jaïs steht neben ihr. Da zieht sie ein himmelblaues Kleidchen hervor, hält es in die Höhe und spricht: das wird dem Kinde passen. Es ist noch wie neu, sehen Sie nur. Ach, so klein bin ich gewesen! so ein kleines Jüngferchen! Es ist doch artig! 
          Jaïs schreit vor Freuden. Denn ihm fällt ein, was ihm Landgraf von dem blauen Kleide seines Töchterchens gesagt; und ihm fällt ein, was ihm Silbermann von dem geretteten Kinde gesagt. Seine Liebe vergleicht das blitzschnell. Er ergreift das Kleid, tritt vor den Blinden und fragt ihn: ist das Isalinens Kleid? 
          Ich habe es ihr zum Andenken aufgehoben, spricht der Blinde ruhig. Blau war es. Ob es aber das rechte ist? — Er läßt es sich reichen. Er befiehlt es. Ja, spricht er, es ist dasselbe — hier fehlt ein Stück in der Brust; das Kind blieb an einem Nagel hängen. 
          Jaïs will zu Landgraf hinauf. Aber bedenkend fragt er noch: in welchem Jahr war es? Er hört die Jahrzahl.

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    Dann fragt er noch eiliger: Aber das Kind sagte, es heiße Isaline? Isaline stand dabei, ohne zu fassen, wovon es sich handle, was ihr bevorstehe, was dem guten Landgraf, was ihrem theuren Blinden. Ich frug sie oft hintereinander, sprach Silbermann, da sie nicht gleich antwortete. Und so hat sie vielleicht gesagt: I, Sabine heiß' ich! Und so hab' ich verstanden: Isaline heiß' ich! So hieß meine Mutter, und so nannte ich sie denn gern. 
          — — Ich habe mich versprochen? frug Isaline erschrocken. Was soll das alles heißen? Gehe, springe, fliege hinauf! sagte ihr Jaïs der gute Mann droben ist Dein Vater! Landgraf! O mein Freund! Isaline aber zitterte, faltete ihre Hände, und stürzte plötzlich ihrem theuren, armen, blinden Vater Silbermann zu Füßen und umschlang seine Knie und weinte sich aus. 
          Mein Kind! sagte er, und legte seine Hand auf ihre Locken; mein Kind! Du hattest keinen Vater, drum gönnte ich Dir einen: Mich! Wir waren arm, wir waren glücklich bis auf meine Furcht, ach, und meine Hoffnung! Ich werde Flöte spielen — die Menschen werden mich ernähren; sie werden mich pflegen, und ein Blinder stirbt leicht — die Augen sind ihm schon zugethan! Nun hast Du Deinen Vater, nun darf Ich es nicht länger seyn! Mir bricht das Herz, ich weine wie ein Kind —

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    aber gehe hin zu ihm, ich heiße es Dir, und Dein Gang sei gesegnet! 
          Dann hieß er sie aufstehn. Er stand auf, er verlangte nach seiner Flöte — aber er war zu bewegt. Jaïs mußte Vater und Tochter aus einander reißen — und nun sprang sie plötzlich die Treppe hinauf, ihr Kinderkleid in der Hand. 
          Auf der Treppe begegnet ihr Hinterweiner, der todtenblaß an ihr vorübereilt. Er hat Muth gehabt in jeder Schlacht, wie jeder Soldat, aber keinen Muth im Leben, denn da sind die wildesten Soldaten oft zu weich, ja feig. 
          Sie fragt. 
          Er deutet nur stumm in Landgrafs Gemächer. 
          Sie geht mit hastigen Schritten. Hier ist er nicht — dort nicht. — Nun sieht sie den Vater! den Beschützer, den Wohlthäter, den Freund. Verzweifelte Liebe ergreift sie. Sie findet ein Messer — die Schnur ist so angespannt, daß sie mit zitternden Handen sie nicht durchschneiden kann. Sie hebt ihn. Sie schiebt seinen hohen Schreibsiuhl unter ihn; so sitzt er, so schneidet sie ihn los und zieht ihn auf fein Schweizerbett, das anfängt zu spielen:
    „In diesen heiligen Hallen“ 
          Sie will ihn ruhig lassen, damit die Klänge seine vielleicht noch hier schwebende Seele hinüber begleiten — da kommt Jaïs, leis, um Vater und Tochter in ihrer Freude des Wiederfindens zu beschleichen. Er sieht. Er sieht alles deutlich.

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    Aber er legt Hand an, nachdem er die Thür verschlossen, um die Ehre des Mannes zu bewahren. Niemand soll geholt werden. Sie selbst thun alles Mögliche, Nöthige, Wohlgerathene. Denn bald hebt sich die Brust des Vaters. Sein Gesicht wird natürlich. Die Lippen zucken. Ia endlich thun sich die Au» gen auf. Es ist gewonnen! Er ist gerettet! So sitzen sie Beide, jedes an einer Seite; jedes eine seiner Hände in den ihren, und sehen ihn an. Er sieht sie an. Und ihm durch Freude das Leben sogleich neu lieb, ja schöner als je, theurer als den Himmel zu machen, legt Jaiis Isalinens Hand in seine und sagt ihm weinend: Da hast Du Dein Kind. Isaline ist Deine Sabina. Glaube mir. Alles ist klar. Und hier ist ihr Kleidchen. 
          Der Vater starrt darauf. Endlich weint er. Sie sinkt über ihn, er umschließt sie mit seinen Armen. So ruhen sie, aus Verzweiflung nun rasch in den Himmel versetzt. Endlich will er Luft, Bewegung. Sie helfen ihm auf. Sie führen ihn beide im Zimmer umher. Da spricht er das erste Wort: Als ich in die Unterwelt sank, da rief mir der Teufel zu: „Du Narr! der Postschein steckt in Deinem blauen Oberrocke!“ 
          Und so griff er in die Brusttasche des dahängenden Rockes, zog ihn hervor, starrte ihn lange an, schüttelte das Haupt, und knitterte ihn in der Faust zusammen. Mit Einem Worte hatte er seinen Lieben Alles gesagt. 
          Aber nun ich todt gewesen, will ich todt seyn! Schon Deiner abscheulichen Mutter wegen, Isaline! Denn Du hast einen Vater gefunden, ach, doch wohl einen guten — aber welche Mutter! Vergieb ihr!

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    Sie ist eine alte Sängerin, weiter nichts. Damit ist Alles gesagt. Aber Du sollst sie nicht sehen! Sie Dich nicht! Wir ziehen nach Italien, Jaïs! Isaline, nach Italien! Heut' Nacht schleich' ich mich fort auf mein einsames Landhaus. Laßt mich indessen begraben, so prachtvoll ihr wollt. Wer fragt denn eigentlich, ob ein Gestorbener auch todt ist. Der Arzt behandelt den Kranken; . . . eines Morgens schreien ihm Frau und Kinder entgegen: er ist gestorben! Da geht der gute Doctor. Die Wascherin kommt, die Ihr aber abweiset und reichlich ablohnt. Sie geht gern. Wer im Lande weiß denn nun eigentlich, wer schaut denn zu, ob Iemand auch wirklich gestorben ist. 
          Aber Hinterweiner ist hier gewesen! warf Isaline bittend ein. Gehe gleich zu ihm, Jaïs, und sage: es wäre meine letzte Bitte an ihn, daß er verschwiege: ich hätte mich . . . Ihr wißt es ja. Er wird schweigen. Sonst kann er in Strafe kommen, daß er mich nicht — — was mein Kind gethan hat. Das war ein Liebesdienst! 
          Nun geh' und bestelle alles! Jaïs ging und verschloß wieder. Der glückliche Vater aber setzte sich hin und schrieb unter Freudenthränen die Acte der Anerkennung Isalinens als seiner Tochter Sabina und als seines einzigen Kindes; also eventualiter als seiner alleinigen Erbin, datirte sie von gestern, und Jaiis und Silbermann sollten als Zeugen sich unterschreiben.

     
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