Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1Capitel XI.
    Die Johanniswürmchen

     
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    Wir sterben ja alle lebendig,
        Es geschieht ja alles inwendig. 

          Landgraf schlich nun in seinen Mantel verhüllt zu Nacht in sein einsames Landhaus. Seine Seele war so voll von dem Neide und der Mißgunst der Menschen, daß er in diesen seinen schönsten, nie so genossenen Tagen eine Novelle schrieb, mit dem Titel „Künstlerneid,“*) die ihm großes Vergnügen machte. Denn das Erlebte, bitter oder süß Empfundene zu schildern, macht immer Vergnügen. 
          Indessen ward er ausgelauten wie ein Verstorbener. Der Superintendent hatte hundert Thaler für die Lobrede des Todten erhalten und studirte gewaltig, die Verdienste des Verstorbenen in klares Licht zu stellen- Der Schlosser arbeitete an den silbernen Beschlägen; der Tischler hobelte und brachte den Sarg; große Vorbereitungen wurden in der ganzen Stadt gemacht, den würdigen Dahingeschiedenen würdig zur Gruft zu bestatten. Die Musiker und Sänger alle hatten sich das Wort gegeben, ihm in dem schönen Ruhethal ein unerhörtes Denkmal zu singen.
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    *) Wir werden diese sehr praktische Novelle: „Künstlerneid“ im nächsten Jahrgange dieses Taschenbuches Helena mittheilen.

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           Am Abend vor der bestimmten Nacht konnte Isaline nicht der Sehnsucht widerstehen, von ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Alle ihm nöthigsten Sachen waren gepackt; ihren vom Schicksal abgedankten blinden, armen, guten Vater Silbermann hatte sie schon warm angezogen für die Reise, von der er nicht wußte, denn sie wollte nicht ohne ihn seyn, nicht undankbar. Am meisten bekümmerte sie der Schmerz des guten Assessors, der redlich zu ihr weinen kam um den verlorenen, immer ihm holden Freund und um Isalinens Freund. Sie war endlich ganz bang geworden, ganz weich. 
          Und so ging sie mit schwerem Herzen zu ihrer Mutter. Noch viel stolzer durch die vermeinte Erbschaft, glaubte sie in der Tochter nur eine Bettlerin zu sehen. Aber Nimrod's edler Sohn war gekommen und sie hatten nun vollauf Geld. 
          Mein Kind, sprach Frau Landgraf trocken, ich kann Ihr nichts geben! Ich habe nur Mitleid mit einer um Brot singenden deutschen Jungfrau, aber wir sind ja wohl von Petersburg? 
          Ihre Mutter sollte sich mit keinem leisen Gedanken mehr an ihr vergehen. Isaline fiel vor ihr auf die Kniee und konnte vor Thränen kaum stammeln: Meine Mutter! Meine Mutter! Ich bitte um nichts als um Ihren Segen als Ihrer Tochter. 
          Die Mutter erschrak. Sie bebte. Sie übersah alles. Sie hob sie auf, sie umarmte sie und sprach: Ich möchte sagen, das thut mir leid! und küßte sie auf

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    das ihr auf der Wange noch sichtbare rosige Mahl. Du eilst so! sprach sie . . . es ist wohl Zeit? — Sie stand einen Augenblick verlegen, ging, brachte etwas Verhülltes und sprach: Es ist mir lieb, daß ich Deinen Schmuck doch wieder erlangen können. Es schickt sich alles wunderbar. Isaline dankte, nahm ihn, nahm auf immer Abschied von der Mutter, ohne daß die Gerührte das ahnte, kehrte nach Hause und drückte den fremden, blinden, guten Vater ganz unbeschreiblich. Und er freute sich. 
          Endlich um Mitternacht kamen die Fackeln und Wagen. Jaiis und der Assessor fuhren mit Isaline in das Ruhethal. Aber es saß noch Jemand im Wagen — Clementine, die Vermählte-Unvermählte, die sich heimlich darein geflüchtet und nun mit ihm zog. 
          Sie fanden draußen unzählige Menschen an den Anhöhen umher, und es schien, als wenn rothe, grüne, blaue, gelbe große Johanniswürmchen, dort leuchteten; aber es waren bunte Papierlaternen, um deren jede eine Zahl im Düstern unsichtbarer Zuhörer sich befanden. 
          Nach der Beerdigung des Lebendigen-Verstorbenen, die leider unter vielen Thränen geschahe, denn selbst Isaline weinte laut, aus künftiger Furcht, die schon hereinblitzte durch die dunkle Zukunft — nun begannen die Sänger ihre Feier. 
          Die Nacht war himmlisch heiter. Es war als hörten die Sterne zu, so leise zogen sie; als hätten sich die Wolken gelagert, denn sie regten sich nicht. Landgraf aber war heimlich herbei gekommen und saß einsam auf einer schwer zugänglichen Felsenspitze zur Seite.

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    Er hörte die Klänge heraufschallen, alt wenn Gott sich vorbehalten hätte, alles zu hören, weil alles heraufschallt und von droben am besten gehört werden kann. Er war zu Thränen gerührt. O, sprach er zu sich: In derMusik wallt ein Geist durch die Welt, der die süßeste Seele der Liebe und Alles ist, was in aller Kunst und Wissenschaft nicht geleistet und nicht gefaßt werden kann. Die schönen Worte fielen ihm ein und er sprach sie aus:

    Fühlt ihr in der Saiten Beben,
    Im begeisternden Gesang,
    In des Herzens Sturm und Drang —
    Fühlt ihr des Entschlaf'nen Leben?
    Horch! es tönen Harmonien —
    Das ist Mozart! Seht ihr ihn
    Leicht bekränzt? Mit Feeentritte
    Wallt sein Geist in eurer Mitte.

    Aber er bezog sie auf jenen großen Meister, von welchem Mozart nur Ein Ton war, wie das angegebene A aus einer reichen Flöte.
    O ich bedaure nicht, sprach er sich zum Troste, daß ich mein Leben der Musik geweiht —! Und wenn nicht alles so gekommen, wenn ich selbst nicht den letzten Gang gehen mußte, wo ich das kleine Mädchen fand mit seinem zerrissenen Schürzchen, fand ich da mein Kind? Und nun kommt Frieden über mich aus dem Äther. Die Töne wohnen im Äther; er ist voll Klang, wie eine ruhig stehende, schlafende Orgel des Himmels,

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    in dem wir wohnen. Schon die Rede ist Offenbarung jenes Geistes — in Leid, in Klage, in erhöhtem Gefuhl wird sie Gesang, und er ist so natürlich, wie des Kindes erster Laut an seiner Mutter Brust. Die Schönheit des Morgens wird Gesang in den Kehlen der Vögel, die Schönheit des Abends wird Lied der Hirten im Herbst auf den einsamen Feldern; der Hirt singt — und er ist nicht mehr allein! Ein Geist, ein guter Geist ist bei ihm. Der Wilde haucht in die Flöte und erschrickt — ein Geist ist in dem Holze, zum Zeichen, daß die Natur nicht ohne Seele sei. Den Wassertropfen in der Höhle wird die Zeit lang — und sie singen und klingen wie Silberstimmen. Was wir gesungen haben, das ist dem Himmel gesagt, und der Weinende blickt nach seinem Liede getröstet empor — sein Leid ist wie Thau in die unsichtbaren Räume vorschwebt und weggenommen von ihm. Du berührst die Saite — sie wird unsichtbar, und wo sie war, da lispelt ein Geist. Der Sand unten auf der Glastafel nimmt Gestalten an, Dreiecke und Kreise, und wer weiß, wo die große Äolsharfe tönt — die die Gestirne in Kreisen weidet wie Lämmer, zufrieden unter ihrem Schall. O, sie ist keine Mythe, die große Äolsharfe! 
          Er sahe hinauf, während jetzt die achtstimmige Motette ertönte: „Tröste uns Gott, unser Heiland,“ jede Stimme hundertfach besetzt! Der Mann hat blos Krebs geheißen, weinte fast Landgraf, aber die Deutschen sollen das ihnen sinnlose Zeichen des Krebses am Himmel zu seinem Denkmal weihen, und die Milchstraße,

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    den heiligen Himmelsbach, seinem geistigen Vater Bach. 
          Da rauschte es niher und näher. Da athmete es. Es war Isaline allein. Der Vater sitzt schon im Wagen, sagte sie froh. Alle sind begeistert von Deinem Musikfest. Es hat sich alles herrlich vollendet. Sie sind zufrieden. 
          Gott! wenn ich alle Deutschen könnte in den Himmel tragen! sprach Landgraf dankbar. Und während die bunten, großen, leuchtenden Johanniswürmchen sich regten, tausendfach verzogen und aus dem Thale verliefen an der dunkeln Erde hin, schieden sie in der Nacht.

     
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