Das große deutsche Musikfest.
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Capitel XII.
    Freude über Freude

     
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    Ein Wort:   
    Ein Hort:    

          Im Herbst erhielt der verlassene Freudenreich den folgenden Brief:

    — Portici bei Neapel.      

          Länger will ich die Stumme nicht seyn! Meines blinden, meines verstorbenen Vaters wegen mußte ich fort. Und ohne Abschied. Es mußte so seyn. Sie haben recht vermuthet, daß wir mit Palmanova und seinem schönen Sohne Giovanni nach Italien gereiset sind.

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    Wie erstaunten wir, oder grade heraus gesagt: Ich, als ich die mir so vertraut gewordene Giovanna als jungen Mann auf der nächsten Station fand! Sie sind erlöst; seine Mutter und ein noch viel schönerer, älterer Bruder, unser lieber Pompeo — nicht wahr, der Name klingt schon prächtig? — hatten die Erlösung gebracht. Wir wohnen auf dem Schlosse, das die Mutter, eine Neapolitanerin, hier in der Nähe besitzt. Die Dankbarkeit für Dankbarkeit ist auch schön. 
          Nun! Lieber Freudenreich — erschrecken Sie nicht! — es will mir nicht aus der Feder — aber der Vater befiehlt es — — — ich soll Sie zur Hochzeit einladen! Zu meiner Hochzeit! Denn als ich die Arie der Eva gesungen, schlich ein leises Sehnen nach dem Paradiese in mich. Also helfen Sie ja meine Hochzeit verherrlichen! — — — 
          Freudenreich warf den Brief weg. Erst am folgenden Morgen hob er ihn doch noch einmal auf und sahe das Folgende von Landgrafs Hand geschrieben. 
          Da fiel er ihm aus der Hand. Aber mit Herzklopfen las er: 
          Es gehe Dir nicht wohl im Vaterlande! Theurer Freudenreich! Habe Sehnsucht, habe Schmerz — es soll Dir vergolten werden. Habe Thränen — auch um mich — — — Ich, Ich will sie Dir vergelten. Ihr habt einen Strohmann begraben, weil ich nicht von Stroh war. Behalt' es geheim. Hudler hat mich glücklich gemacht. Schenke ihm, als hättest Du es besessen, das Bild: den verlornen Sohn, der über meiner Thüre hängt.

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    Ich erlaube Dir nun das versiegelte Kästchen aufzumachen, das Dir Isaline gegeben hat zum Aufbewahren. Es ist Zeit, da Andere erben wollen. Da, mit ist Alles gehoben. Freue Dich meines Lebens, dann sollst Du Dich auch Deines Lebens freuen. Nun geh' und mach' auf und unterschreibe nur Deinen Namen: Freudenreich! O sei es!

    Landgraf.      

    Noch Eins!
    Sage doch allen Deutschen, also laß es nur drucken:
    1)  Die Hausmusik ist die einzige Musik.
    2)  Musik ist die Kunst des Einsamen.
    3) Sie sollen nur lebendige Musik machen. Lebendig ist aber alles, was gilt und aus dem Leben gegriffen ist. Hier in Italien ist sogar die Kirchen, musik schon fast todt.
    4) Darum sind die Deutschen nur so groß, so unübertrefflich in der Musik geworden, weil sie in der Vergangenheit keine Muster hatten. Die deutschen Tonsetzer sollen selbst keinen ihrer Meister zum Muster nehmen, so werden sie ewig neu und unsterblich seyn. Wer nachahmt, einen Styl, eine Manier, eine Weise annimmt in irgend einer Art, der ist nicht nur ein Esel — denn er beraubt sich um sich selbst — sondern er ist auch ein Narr, ein Stümper, ein Betrüger der Welt, die das ursprünglich Neue vom Künstler mit Recht begehrt!

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    5) Der Vortheil ist ungeheuer, ein Genie zu seyn.
    Das ist mein musikalisches Testament.
    Nun gehe, mach' auf.
    Freudenreich ging, und schloß das erhaltene Papier auf.
    Isaline ist Landgrafs Tochter! rief er mit Jauchzen.
    Aber Gott, sie will Heirathen! Ich soll zur Hochzeit kommen.
    Da fiel ihm ein kleines Billet in die Hand.
    „Um Dir einen Beweis zu geben, wie lieb ich Dich habe, so nimm mein Kind! Weil Du sie lieb hast. Weil sie Dich lieb hat. Komm uns nach, nach Italien. Hänge Dein Amt an den Nagel. Wir haben genug — Wir haben uns! Und nun haben wir Dich!

    Dein treuer Schwiegervater.       


          Und gern so rasch, wie die Störche jetzt in das herrliche Land hinflogen, zog der glückliche Freund in sein Paradies.


    Breslau, gedruckt bei Leopold Freund. [1836]

     
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